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anderes Weſen, ols ohne die Fenſterſcheibe. Die Glaſermeiſter haben die größ⸗ ten Illuſionen im Leben hervorgebracht. Ein Mädchenkopf hinter einem Fen⸗ ſterglas bringt die größte optiſche Täuſchung hervor: Prima regula Juris est: Man verliebe ſich nie, bevor ſie das Fenſter aufgemacht hat!— Sie machte das Fenſter auf! Ach, welche Schönheit! Sie war ſchön, wie, ſiehe meine geſammelten und ungeſammelten Schriften, Seite 17, 59, 44, 67, 120, 201, 304, 506 u. ſ. w., und wähle ein Muſter.— Honoratioren zahlen dafür nach Belieben.— Sie ſah zum Himmel empor und dann zu mir! Ich war ja auch ihr Himmel!— Dann machte ſie das Fenſter wieder zu! Warum machte ſie das Fenſter wieder zu? Weil es regnete! Richtig! Die Leſer wiſſen jezt gleich Alles, man kann ſie gar nicht mehr überraſchen!— Sie ſah wieder herab, auf einmal ſprang ſie auf, eilte vom Fenſter weg, blieb einige Minuten weg, kam dann zurük und lächelte. In dieſem Augenblik kam die beflügelte Alte, oder um deutlicher zu ſein, ihre Köchin, über die Straße, brachte mir einen Regenſchirm und ſagte:„Das gnädige Fräulein ſendet Ihnen hiermit einen Regenſchirm!“— Sagts und verſchwand, indem ich ihr noch nachrief:„Ich werde die Ehre haben, den Schirm mit meinem Dank dem Fräulein ſelbſt zu überbringen.“— Man ſage, was man will, die Frauen ſind liebenswür⸗ diger, als die Männer, auch ſogar wie ich! Und ſie wiſſen mit ſolchem An⸗ ſtand uns Gelegenheit zu geben, mit ihnen bekannt zu werden, daß wir Her⸗ ren der Schöpfung wahre Tölpel der Schöpfung dagegen ſind.
Am anderen Tage, es war gerade gleich den Tag darauf, es war ſchönes Wetter, ging ich zu ihr.
Welch ein Unterſchied: geſtern und heute! Geſtern ging ich im Re⸗ gen ohne Regenſchirm, heute im Sonnenſchein mit einem Negen⸗ ſchirm! Die Natur iſt reich an, ſolchen ſinnigen Kontraverſen.— ich ging hinauf, legte mein Herz an die Thüre, es klopfte.„Herein! rief eine flöten— weiche Stimme, und ich trat hinein. Sie ſaß am Fenſter und nähte— ich nahte mich, das Pfand der Liebe auf dem Arm, den Regenſchirm.„Fräulein,“ ſagte ich, und korrigirte mich ſogleich:„Holdes Fräulein. Im Leben gewährt der Mann den Frauen Schuz, und die Frauen den Männern Schirm!“ Hier wartete ich, um den Effekt dieſer brillanten Introduktion abzuwarten. Sie machte keinen Effekt. Aha, dachte ich, zieh den wizigen Segel ein, und pflanze den ſentimentalen Maſt auf! Ich begann alſo wieder:„Verehrteſte Holde, wie glüklich, wer nach Lebensſturm und aus des Daſeins Wolkenhim⸗ mel ſich auf die glükliche Sonnenterraſſe eines empfindenden Herzens flüchten kann!“ Ich endete wieder, um die Wirkung dieſes empfindſamen Völlers zu beob— achten. Er verhallte wirkungslos! Kurz, meine Schöne blieb kalt, ſchroff, unzu— gänglich. Dieſe Heuchelei verdroß mich! Mir den Regenſchirm zu ſchiken, mir ſo zu ſagen auf gut regenſchirmeriſch anzudeuten:„Komm mit ihm wie⸗ der!“ und nun ſo die Spröde zu ſpielen! Ich verſuchte noch einige Anläufe, Alles vergebens. Sie ſagte:„Ich bitte Sie ſehr, mich zu verſchonen!“— Das war zu arg! Ich entſchuldige meine Kühnheit mit der Heftigkeit meiner Leidenſchaft, und ging endlich ſo weit, ihr zu ſagen:„Die Güte, mit wel— cher Sie mir den Regenſchirm ſchikten, nahm ich für eine mich beglükende Ein— ladung, mich dann ſelbſt bei Ihnen vorzuſtellen!“ Sie ſprang auf, eine edle Röthe überflammte das holde Angeſicht, und ſie ſprach:„O ihr eitlen


