Jahrgang 
Band 2 (1837)
Seite
587
 
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ſchaft ſuchen, in einer Stunde gemüthlichen Veiſammenſeins ſein Herz aus holen und die weichſte Seite ſeines Inneren berühren, um die Schuld der Vergangenheit in ſein Gedächtniß zurükzurufen. Wenn er ſich dann wünſchte, ſeinen Fehler gut machen zu können, wie wollt' ich ihn freundlich am Arme faſſen, und ihn zu Ihnen führen, lieber Doktor! Solch' ein Ausgleich des Schikſals mag eine himmliſche Stunde geben!

Der Doktor ſchüttelte mir gerührt die Hand. Jette trat eben ein. Sie mochte wohl bemerken, daß uns die Augen naß wurden, als wir ſie anſahen.

Der zweideutige Regenſchirm. (Eine rührende Geſchichte.)

Es war einer unſerer ſchönſten Sommertage, ich hüllte mich in leichten Sommerpelz, und zog durch die Straßen. Ich habe ſchon oben geſagt: es war einer unſerer ſchönſten, Sommertage, es fing alſo auch ſogleich zu reg⸗ nen an. Ich trage ſeit langer Zeit keinen Regenſchirm mehr, erſtens weil er mir geſtohlen werden könnte, zweitens weil ich keinen habe, drittens denn es gibt Menſchen, die mit den gründlichſten Gründen nicht zufrieden ſind und drittens weil ich nicht gern der Diener meines Regenſchirms bin, der ſich, wenn es nur ein Bischen ſchlechtes Wetter iſt, von mir tragen läßt. Sobald ein Regenſchirm erfunden werden wird, der bei ſchmuzigem Wetter mich tragen wird, ſchaffe ich mir ſogleich auch einen an. Der Regen fing an, dermaßen in Strömen herabzuſtürzen, daß ich genöthigt war, in ein Haus thor zu treten, und mich, wie man hier ſagt: unter zuſtellen. a

Daß Regen und Sturm, Donner und Bliz, der Liebe günſtig ſind, iſt eine bekannte Sache. Wie hieß nur gleich die da? Dido! richtig!

Sogar das proſaiſchſte Ding im Leben kann einem Liebesgenie zum glüklichen Behelf werden; kurz, das Grollen der Elemente iſt der Liebe gün

ſtig, ſo auch mir dieſer Plazregen, dieſer Regen und dieſer Plaz. Ich ſtand im Thore und ſah zum Himmel empor, denn der Menſch richtet leider nur dann erſt ſeinen Blik zum Himmel, wenn Sturm und Ungewitter ihm droht. Da erblik' ich plözlich, auf dem Wege zwiſchen mir und dem Himmel, ein Fenſter vis-a-vis, und an dem Fenſter ach! an dem Fenſter! Nun meint der Leſer gewiß, es wird heißen:und an dem Fenſter ein weibliches We ſen u. ſ. w.? nicht wahr, das meint der Leſer? Es iſt auch wahr, und an dem Fenſter ein weibliches Weſen. Ein weibliches Weſen, wie ſoll ich es gleich ſchildern? Leſer ſchildere ſie dir ſelbſt, nach eigenem Belieben, ich bin mit Allem zufrieden. Wie du ſie ſchilderſt, ſo ſoll ſie geweſen ſein. Sie ſaß am Fenſter und las? Nein! Begoß die Blumen? Nein! Tändelte mit dem Käzchen? Nein! Ich will die Leſer nicht täuſchen. Ich bin in dieſem Augenblike Hiſtoriker und nicht Romantiker! Ich gebe hiſtoriſche Wahr heit: Sie ſaß am Fenſter und ſpizte ſich die Nägel. Ich ſah hinauf, ſie ſah herab, es war richtig; wir ſahen uns, wir liebten uns, wir ſchwuren uns ewige Treue! Alles durch Phyſiognomik! Die Scheibe! die Fenſter ſcheibe! die verdammte Fenſterſcheibe genirte mich gewaltig. Der Menſch traue nie einer Fenſterſcheibe! Ein Maͤdchen hinter der Fenſterſcheibe iſt ein ganz