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zurük— daß man ihr ſtatt der weißen Schürze, eine blaue hingelegt hatte. Jezt erſt ſah ſie die Bedeutung eines Ausdrukes ein, deſſen ſie wohl öfter ſchon als eines argen Schimpfes erwähnen gehört hatte, ohne jedoch ſeinen Sinn zu ahnen. 3
In ihrem Geburtsorte nämlich herrſchte, ſo wie auch in Baiern u. anderen deutſchen Provinzen, ſeit alter Zeit die Gewohnheit, daß Mädchen, welche ſich einen gleichen Fehltritt, wie Jette, hatten zu Schulden kommen laſſen, keine weiße Schürze mehr, ſondern nur eine blaue, tragen dürften. Es ward ihnen dadurch ihr Vergehen, ſo zu ſagen, immer unter die Augen gehalten; in der Kirche ließ ſie Niemand in den Stuhl; bei feierlichen Auf— zügen fanden ſie keine Begleiterin; auf Kirchweihfeſten keinen Tänzer; jeden freieren Scherz mußten ſie ſich gefallen laſſen, und wagten ſie irgendwo über ihr trauriges Loos eine Klage anzubringen, ſo heißt er nur:„Laßt ſie,'s iſt eine Blaue!“
Nur zu ſchmerzlich erfuhr auch Jette, wie ſchreklich ein Fehltritt durch die ſonſt gleichgiltige Farbe eines werthvollen Kleidungsſtükes werden könne; wie der Vergeltung nichts zu unbedeutend ſei, um ihr Opfer damit zu züchti⸗ gen. Nothgedrungen, ja faſt unwillkürlich(denn ihrem Bitten und Flehen um die älteſte, abgetragenſte Schürze, wenn ſie nur weiß wäre, gab Niemand Gehör) band ſie den blauen Laken um; nahm ſich ein Herz, trat in's Freie, mitten unter die Dirnen, die zur Kirche ſchritten, um ſich gleichſam, unter den Reinen, zur Stätte der Buße mit einzuſchwärzen. Schöngeſchmükt, mit ſchneeweißen Schürzen, zogen die Dorfmädchen einher, großentheils ihre Ge— ſpielinen in früheſter Jugend, zu fröhlichen Paaren, traulich geſchloſſen, feier⸗ täglich erbaut. Sie konnte dem Drange ihres Herzens nicht länger widerſte— hen; das Bewußtſein der Geneſung nach ſchmerzlichen Ringen mit dem Tode z die Hoffnung, des Wiederſehens Freude werde keinem Vorwurfe Raum geben, ließen für einen Augenblik auf ihr ſchimpfliches Wahrzeichen vergeſſen. Wie ſchmerzlich ſie daran erinnert wurde— davon war ich ſelbſt Zeuge.
Noch kämpfte die Arme im Wachen und in Fieberträumen mit den qual— vollen Nachwehen ihrer zwar verdienten, aber harten Züchtigung, als ich ihr entdekte, daß ich im Begriffe ſtehe, nach Wien zurüzukehren, daß ich ſie mit⸗ nehmen, und ihr, in allen Ehren, die Führung meines Hausweſens über laſſen wolle.
Mein ſchlichtes Weſen, mein unbefangenes Mitleid, mein raſcher An⸗ trag— kurz Alles beſtimmte ſie, mir zu folgen. Ich hielt ihr redlich Wort, bas
muß ich mir ſelbſt nachrühmen; ſie vermißt nichts bei mir— nichts— als—
„Vielleicht die Möglichkeit, den zu ſehen,“ fiel ich ein,„der ihres 3 dens Urheber war—?“
„Dieſe Möglichkeit iſt ja hier in größerem Grade, als irgendwo vor⸗ handen,“ verſezte der Doktor.„Der Maler war ein Wiener, und ſein Herz, ſie ſchwört darauf noch jezt, nicht ſchlecht. Wenn mir mehr gelingen ſollte, Freund, als ich im erſten Augenblike beabſichtigte! Was ſagen Sie dazu—?“
„Daß dies eine ihrer herrlichſten Kuren wäre— ein gebrochenes Herz heilen, Doktor, welch' ſchöner Triumph!— Ich habe mich zwar nie mit Stek— briefen befaßt, aber wenn ich den jungen braungelokten Maler mit dem Spiz⸗ und Knebelbarte und den feurigen Augen wo fände, ich würde ſeine Freund⸗


