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iedoch den Zuſammen hang derſelben mit der offentlichen Meinung einzuſehen. Einer der Burſche, welche ſie, im Vorbeiſchlendern, mit frechen Wizreden nek⸗ ten, ließ mich beiläufig den Grund ahnen. Das arme Mädchen ertrug allen Hohn gelaſſen und ſtarrte lange regungslos vor ſich hin. Plözlich, wie von einem raſchen Entſchluſſe durchzukt, wankte ſie, faſt verſengenden Fußes, durch ein Seitengäßchen fort. Ich ihr nach. Am Ufer des Rheins hielt ſie an. Ich hinter ihr; ſie ſah mich nicht. Jezt faltete ſie die Hände, betete ſtumm und inbrüſtig, riß ſich dann die blaue Schürze vom Leibe, erhob ſich zum Sprung in die Wellen— und erwachte, von einer langen, todtähnlichen Ohn⸗ macht erſt auf meinem Zimmer, auf welches ich ſie bringen ließ, unbekümmert um das Gerede des Dorfvolkes, welches mir gleichgiltig ſein konnte. Als ſie zu ſich gekommen, entdekte ich ihr meinen Stand, und bat ſie, ruhig und unbeſorgt zu ſein und in mir einſtweilen nichts, als den Arzt, zu ſehen.
Sie fügte ſich meinen Bitten, willenlos, als ob ſie Befehle wären, und verſank zu meiner großen Freude, in einen erquiklichen Schlummer, während deſſen ich Zeit fand, mich von ihrem Schikſale näher zu unterrichten. Mein Gaſtwirth, zu deſſen Hausleuten Jette bis heute gehört hatte, ermangelte nicht, mir ihre Leidensgeſchichte, ausführlich, mit manchen unliebſamen Be⸗ merkungen und ſpöttiſchen Derbheiten entſtellt, mitzutheilen. Es war eben keine Kunſt, das Wahre von der Zuthat gemeinen Vorurtheiles zu unterſchei⸗ den, und ſo geſtaltete ſich denn folgende Erzählung, als treuer Bericht über Jette's Schikſal.
Das Dorf, in welchem ich ihr Lebensretter geworden, war ihr Geburtsort, ein Ort, welcher, wegen ſeiner Abgeſchiedenheit, auch in den Sitten der Ein, wohner etwas Abgegränztes„J Eigenthümliches begründete, ſo zwar, daß— wie es leicht geſchieht, gewiſſe Sprichwörter, Gewohnheiten und Wize nur inner⸗ balb des Keſſelthales, in welchem das nette Dörfchen lag, gangbare Münze waren. Ihrer Eltern, armer Pächtersleute, frühzeitig beraubt, wurde ſie von der Beſizerin eines benachbarten Schloſſes, einer alten, leſeſüchtigen, aber guten und herzlichen Dame, aufgenommen und wie eine Tochter des Hauſes gehalten. Die Geiſtesrichtung ihrer Erziehung blieb nicht ohne Nachwir— kung. Auch Jette hatte bald aus bunter, ungewählter und tendenzloſer Lek⸗ türe, in romantiſcher Einſamkeit, das Gift der Ueberſpanntheit und Schwär⸗ merei eingeſogen. Strenge Abgeſchiedenheit, gänzliche Unbekanntſchaft mit der Welt und Mangel an einer feſteren und geiſtigen Stüze zogen dieſen Aus⸗ wuchs einer lebhaften Phantaſie groß. Da ſtarb plözlich ihre Wohlthäterin eher, als ſie für Jettens Los noch geſezliche Fürſorge getroffen hatte. Jette war zum zweiten Male verwaiſt, im Augenblike der thätigſten Entwiklung ih⸗ res Inneren. Ihrem Schikſale nunmehr allein überlaſſen; an eine zartere Be⸗ handlung gewöhnt, als man bei einem ungebildeten Dorfbewohner erwarten kann, verdung ſie ſich in dem kleinen, aber wohlbeſtell ten Gaſthofe des Dor⸗ ſes, wo ich eingekehrt war, als Aufwärterin. Hier, wo Reiſende, welche längs dem alten Rhein hinabziehen, häufig einſprechen, fand ſie Gelegenheit genug ſich durch ihre ungewöhnliche Bildung bei den Reiſenden, und dadurch auch anfänglich bei ihren Wirthsleuten beliebt zu machen.
K(Beſchluß folgt.)


