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ich es doch nicht; denn es gibt gewiſſe Verhältniſſe, die erſt dann derlezend werden, wenn man auf ſie anſpielt, und als eine ſolche Anſpielung wollte ich meine Frage um das Mädchen durchaus nicht gedeutet wiſſen. Endlich, in einer Stunde froheren Beiſammenſeins, wo ich über die Langweiligkeit und Unbe— ſtimmtheit des Junggeſellenlebens, das ich damals noch führte, mich ausließ, gab ſich die Gelegenheit von ſelbſt..
„Was mein Gargon-Leben betrifft,“ meinte der Doktor,„ſo bin ich recht gut daran; ich fühle alle Bequemlichkeiten deſſelben, und vor dem Unbeque— men, worin man, als ein Ungeübter, Ekiger, Ungefügiger, kurz als ein Mann, oft geräth, bewahrt mich meine— Jette!“
„Ihre Jette?“ begann ich,„das feine, ſittige Weſen, das mir immer öffnet? Es mag wohl ein recht gutmüthiges, häusliches Geſchöpf ſein: man merkt es ihr in Allem an.“
„Und für mich ginge ſie denn gar durch's Feuer,“ erwiderte der Dok— tor;„ich ſollte es nicht ſagen, aber ich verdanke die aufricktige Zuneigung des Mädchens meiner Gutmüthigkeit und meinen unbefangenen Anſichten über gewiſſe Gegenſtände des gewöhnlichen Vorurtheils. Sie iſt eine Rheinlände— rin— der Zufall führte ſie mir auf meiner lezten Reiſe durch Deutſchland entgegen.“
„Das dachte ich mir wohl gleich, daß ſie jener Gegend angehöre. Iſt ſie eine Waiſe?— ich merkte längſt, daß es mit ihr eine ganz beſondere Bewandt⸗ niß haben möge, und ihre ganze Erſcheinung ſpricht mich ſeltſam an.“
„Ich will Ihnen die Geſchichte des armen Kindes erzählen unter der Be— dingung, daß ſie meinen redlichen Abſichten keine unlauteren Motiven unter— ſchieben. Hören Sie denn:
Auf meiner Reiſe kam ich in ein Dorf am Rhein, welches von drei Sei, ten Verge, von der vierten den majeſtätiſchen Strom zu natürlichen Grenzen hat. Es was eben Sonntag; die Gloken leierten in lieblicher Harmonie das Landvolk aus allen Richtungen zuſammen. Vurſche und Dirnen wandelten in ihren Feſttagskleidern der Kirche zu. Recht anmuthige Geſichter ſahen mir ent— gegen und nikten mir freundliche Grüße. Wohlhabenheit und beſonders Rein— lichkeit ſpiegelte ſich in Tracht und Haltung. Auffallend waren mir die blen— dend weißen Schürzen der Dirnen, auf welche ſie ſich nicht wenig einzubilden ſchienen, wiewohl ſie nur eine geringe Zugabe zu dem einfachen, geſchmak vollen Staate bildeten, welcher ihre ſchlanken Geſtalten umſchloß. Um ſo befremden⸗ der war es daher für mich, als ich eben um die Kircheneke bog, ein hübſches, blaſſes Mädchen— es war Jette— ganz allein mit einer blauen Schürze zu bemerken. Mit frohem Gruße eilte ſie auf die übrigen zu, aber, als ob eine Verpeſtete unter ſie träte, wichen alle zurük, und ließen ſie, mit dem verächtlichen Rufe:„Eine Blaue“ ſeitwärts ſtehen. Weinend wankte ſie zurük, lehnte ſich an die Dorflinde,— hinter welche ich mich ſtellte, um ſie näher zu beobachten— und rang, lautſchluchzend, die Hände. Die Unglük⸗ liche flößte mir Theilnahme ein. Ich ſah, wie die Mädchen, flüſternd und ſpöttelnd, im Vorübergehen, ſich von ihr abwendeten, wie ſie wohlgefällig und ſtolz an ihren weißen Schürzen tändelten und zupften, während auf Jette's blaue Schürze die Thränen troſtloſer Verzweiflung niederrollten. Daß die Farbe der Schürze etwas zu bedeuten habe, vermuthete ich nun wohl, ohne


