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faſſer(„die Vormundſchaft“) nicht ſer⸗ virt, als ſie uns eine andere, viel⸗ leicht noch gelungenere Geburt dieſer Geiſtes⸗Verbrüderung vorführte. Der Hauptgedanke entquillt zwar keiner ſehr erfindungsreichen Phantaſie. Na⸗ turmenſchen, das heißt ſolche Menſchen, die abſichtlich oder zufällig in Abge⸗ ſchiedenheit von der großen Welt erzo— gen worden ſind, dann, einfach und ungebildet, plözlich in die Civiliſa⸗ tion treten, und da durch ihr ultra- linkiſches Benehmen die drolligſten Szenen verurſachen— ſolche Menſchen ſind ſchon in Romanen und Schauſpie⸗ len oft verarbeitet worden; aber unſer Dichterpaar wußte ſeinen Stoff köſt— lich auszubeuten. Der Major Wildun⸗ gen, der, weil er ſich von einer Dame betrogen glaubt, ein Weiberſeind ge— werden, beſchließt auch ſein Söhnchen Mapmilian als Miſogyn zu erziehen. Das Kind ſollte bis zu ſeinem neun— zehnten Jahre in der Einſamkeit ver⸗ bleiben, und kein weibliches Geſchöpf zu Geſichte bekommen. Zu ſeinem Auf⸗ enthalt ward ein Schloß beſtimmt u. er daſelbſt blos den Händen des Schloß⸗ verwalters Valentin anvertraut; aber dieſer Mann, deſſen Verſtand nicht weit her iſt, ſcheint nicht zu ſtrenge den Befehlen ſeines Gebieters nachgekom⸗ men zu ſein; denn Maxmilian lernte in dem Schloſſe nicht nur die Frau dieſes ſo ſonderbaren Edukationscathes, ſondern auch deſſen Tochter kennen, und obendrein erhielt er zur Lektüre Schillers Gedichte, unter denen ihn die Lieder an Laura beſonders anzo— gen. Als nun der junge Menſch in die Welt trat, war er wohl etwas unge— hobelt und ungeſchliffen, aber in der Liebe gar kein Neuling mehr, ja er benahm ſich ſogar darin faſt wie ein zweiter Don Juan. Der Hauptplan ſei⸗ nes Vaters ward dadurch vereitelt. Zu⸗ fälle, die in dieſem Stüke gar nicht
unthätig ſind, machen, daß der Major mit ſeiner ehemaligen Geliebten, der Kriegsräthin Walburg, nun Mutter zweier Töchter, wieder zuſammenkommt, und ſich von ihrer ehemaligen Unſchuld überzeugt. Dadurch wird er von ſei— nem„Haß allen Weibern“ geheilt, heirathet ſelbſt die Kriegsräthin und willigt in die Verbindung ſeines Soh⸗ nes mit ihrer Tochter Laura. Außer— dem gibt es noch eine andere Liebesge⸗ ſchichte in dieſem Stüke u. einen über⸗ aus trefflich gezeichneten Charakter, in der Perſon des Doktor Wallberg, der eine Art Mediateur, Gutmacher, Zu— ſtandebringer u. mit einer überſchwäng⸗ lichen Fülle von Humor und ſarkaſti— ſcher Laune ausgeſtattet iſt. Der Charak— ter des Naturmenſchen ſelbſt aber iſt etwas ſchwankend; er fällt oft aus ſei⸗ ner Rolle, ſpricht manchmal zu altklug, manchmal ſelbſt als Naturmenſch zu un⸗ menſchlich kindiſch. Was aber dem Luſt⸗ ſpiele zur höchſten Zierde gereicht, iſt der Dialog. Er ſprudelt von Wiz u. Laune. Die treffenden Gedanken ſol— gen ſich Schlag auf Schlag. Wir glau- ben nicht zu viel zu behaupten, wenn wir ſagen, daß in dieſer Hinſicht ſeit Kotzebue nichts Beſſeres geleiſtet wur⸗ de. Dies und die äußerſt komiſchen Situationen ſind die Haupturſachen, die dem gelungenen Luſtſpiele ſolch eine glänzende Aufnahme auf unſerer Bühne verſchafften. Doch müſſen wir auch die, wir können mit vollem Rechte ſa— gen, in allen Theilen trefflich e Aufführung nicht unerwähnt laſſen. Vorzüglich iſt es Hr. Berg, der den Doktor Wallberg ſo vollendet in allen Nüancen und Wendungen gab, daß er fürwahr nicht beſſer gedacht werden kann. Dann kommt Herr Deſſoir als Maximilian, der der Naivität ſei⸗ nes Charakters alle Glaubwürdigkeit aufzudrüken und ſelbſt die unbeſtimmte Zeichnung der Verfaſſer möglichſt halt⸗


