562
gemeſſenem Anſtande vollzogen. Zuerſt traten die Anderwandten an den Sarg, um von der Todten Abſchied zu nehmen. Dann folgten eine Menge Perſonen, um einer Frau ihre Achtung zu bezeugen, die eine lange Zeit an ihren welt— lichen Freuden Theil genommen hatte, und alle Angehörigen des Hauſes. Endlich näherte ſich eine alte Dame, die mit der Verſtorbenen in gleichem Alter war. Zwei junge Mädchen unterſtüzten ſie. Sie war nicht im Stande, ſich bis zur Erde zu verneigen— und nur ſie allein vergoß Thränen, indem ſie die Hand der Todten küßte. Nach ihr entſchloß ſich Herrmann, dem Sarge zu nahen. Er warf ſich zur Erde, und lag einige Minuten lang auf dem kalten mit gehaktem Fichtengrün beſtreuten Boden. Endlich erhob er ſich, blaß wie die Todte ſelbſt, beſtieg die Stufen des Katafalks und beugte ſich über den Sarg.— In dieſem Augenblik kam es ihm vor, als blikte die Verſtorbene ihn an und blinzle mit einem Auge. Raſch fuhr er zurük und ſtürzte die Stufen hinab zur Erde nieder. Man hob ihn auf. Gleichzeitig trug man die ohnmächtige Liſa hinweg. Dieſe Epiſode ſtörte einige Minuten lang die Trauerfeierlichkeit. Unter den Anweſenden verbreitete ſich ein dumpfes Flü— ſtern, und ein magerer Kammerherr, ein naher Verwandter der Verſtorbenen, ſagte einem neben ihm ſtehenden Engländer in's Ohr, daß der junge Offizier ein natürlicher Sohn der Gräfin ſei, worauf der Engländer antwortete: Oh!
Den ganzen Tag über war Herrmann ſehr niedergeſchlagen. In einem wenig beſuchten Gaſthauſe zu Mittag eſſend, trank er, gegen ſeine Gewohn— heit, ſehr viel, in der Hoffnung ſeine innere Aufregung zu betäuben. Aber der Wein erhizte ſeine Eindildungskraft nur noch mehr. Nach Hauſe zurük— gekehrt, warf er ſich unentkleidet auf ſein Bett und ſchlief feſt ein.
Es war noch Nacht als er erwachte: der Mond erhellte ſein Zimmer. Er ſah nach der Uhr, es war drei Viertel auf drei. Der Schlaf war ihm vergan⸗
gen, er ſezte ſich auf's Bett und dachte an das Leichenbegängniß der alten Gräfin.
In dieſem Augenblik ſchaute Jemand von der Straße durch's Fenſter ihn an— und verſchwand gleich wieder. Herrmann achtete nicht darauf. Eine Mi— nute ſpäter hörte er, daß die Thür im Vorzimmer geöffnet warb. Er glaubte, ſein Denſchik(Burſche) käme nach ſeiner Gewohnheit von einem nächtlichen Spaziergang betrunken nach Hauſe. Aber der Fußtritt war ihm fremd: es ging Jemand, der leiſe mit Pantoffeln ſchlurrte. Die Thür öffnete ſich und ein weiß gekleidetes Frauenzimmer trat herein. Herrmann glaubte, es wäre ſeine alte Amme und konnte nicht begreifen, was ſie in ſo ſpäter Nacht zu ihm führe. Die weiße Frau aber ſtand plözlich vor ihm— es war die Gräfin!
„Ich komme gegen meinen Willen zu dir,“ ſagte ſie mit feſter Stimme, „mir iſt aber befohlen worden, dein Verlangen zu erfüllen. Die Drei, die Sieben und das Aß gewinnen hinter einander— aber nur unter der Bedin— gung, daß du täglich nicht mehr als eine Karte ſezeſt, und dann in deinem Leben nicht mehr ſpielſt. Meinen Tod vergebe ich dir, wenn du meine Pfle⸗ getochter Liſa heiratheſt.“
Nach dieſen Worten kehrte ſich ſacht um, ging auf die Thür zu und ver— ſchwand, mit den Pantoffeln ſchlurrend. Herrmann hörte, wie die Thür des Flurs zuftel, und ſah, daß Jemand ihn abermals durch das Fenſter anblikte.


