Jahrgang 
Band 2 (1837)
Seite
554
 
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554

Woher wiſſen Sie dies Alles 2 fragte ſie ihn lachend.

Von der Ihnen bekannten Perſon, antwortete Tomski,es iſt eln ſehr merkwürdiger Menſch!

Und wer iſt dieſer merkwürdige Menſch?

Er heißt Herrmann.

Liſa erwiderte nichts, aber Hände und Füße wurden kalt.

Dieſer Herrmann, fuhr Tomski fort,iſt ein wahrhaft romantiſches Weſen: er hat Napoleon's Profil und das Gemüth des Mephiſtopheles. Ich glaube, daß wenigſtens drei Uebelthaten auf ſeiner Seele laſten. Warum wer den Sie ſo blaß? f

Ich habe Kopfweh. Was ſagte Ihnen Herrmann

Drei Damen, die mit der Frage herantraten: Oubli ou regret? un terbrachen ein Geſpräch, das für Liſa von peinigendem Intereſſe geworden war.

Die Dame, welche Tomski erwählte, war die Fürſtin Pauline. Es ge⸗ lang ihr, ſich mit ihm zu verſtändigen. Als Tomski auf ſeinen Plaz zurük⸗ kehrte, dachte er ſchon nicht mehr weder an Herrmann noch an Liſa. Sie ſuchte auf alle Weiſe das unterbrochene Geſpräch wieder anzuknüpfen, aber die Ma ſurka endigte und bald darauf fuhr die alte Gräfin nach Hauſe.

Tomski's Reden, obgleich nichts als ein Maſurka-Geſchwäz, waren tief in die Seele der jungen Schwärmerin gedrungen. Das von Tomski hingewor fene Bild glich dem ihrer eigenen Phantaſie, und den neueſten Romanen ver- dankte ſie es, daß Hermann ihr jezt ein Schrekbild geworden war. Sie ſaß da mit gefaltenen Händen, das noch mit Blumen bekränzte Haupt auf die Bruſt geſenkt. Plözlich ging die Thür auf und Herrmann trat herein. Sie zitterte.

Wo waren Sie? fragte ſie mit bangem Flüſtern.

Im Schlafzimmer bei der alten Gräfin, antwortete Herrmann,ich komme ſo eben von ihr ſie iſt todt.

Gott im Himmel! Was ſagen Sie?

Und wie es ſcheint, fuhr Herrmann fort,bin ich die Urſache ihres Todes.

Liſa ſah ihn an und erinnerte ſich der Aeußerung Tomski's in Bezug auf Herrmann:Ich glaube, daß wenigſtens drei Uebelthaten auf ſeiner Seele laſten! Herrmann ſezte ſich neben ſie an's Fenſter und erzählte Alles.

Mit Entſezen hörte Liſa ihn an: ſo waren alſo jene leidenſchaftlichen Schreiben, jene dringenden Aufforderungen, jenes verwegene, hartnäkige Ver folgen keine Beweiſe von Liebe! Geld war es, wonach ſeine Seele dürſtete! Nicht ſie konnte ſeine Wünſche befriedigen und ihn glüklich machen! Das arme Pflegekind war alſo nichts als die blinde Helfershelferin eines Räubers, eines Mörders ihrer alten Wohlthäterin! Sie vergoß bittere Thränen in ihrer ſpäten, quälenden Reue. Herrmann blikte ſie ſchweigend an: auch ſein Herz litt, aber weder die Thränen des armen Mädchens, noch der wunderbare Reiz ihres Kummers rührten ſein rohes Gemüth. Er fühlte keine Gewiſſensbiſſe bei dem Gedanken an den Tod der Alten. Nur der unerſezliche Verluſt des Geheimniſſes, das ihn bereichern ſollte, beſchäftigte ſeine Seele.

Sie ſind ein ſchreklicher Menſch! rief endlich Liſa aus.