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5„Ich wollte ihren Tod nicht,“ ſagte Herrmann,„die Piſtole war nicht geladen.“—
Beide ſchwiegen.
Der Tag brach an. Liſa löſchte das niedergebrannte Licht aus: ein blei⸗ cher Schimmer erhellte das Gemach. Sie troknete die verweinten Augen und hob ſie zu Herrmann empor: er ſaß am Fenſter mit gefalteten Händen und fin— ſterem Geſicht. In dieſer Stellung hatte er eine erſtaunliche Aehnlichkeit mit Napoleon. Sogar Liſa ward davon ergriffen.
„Wie wollen Sie aus dem Hauſe kommen 2“ fragte endlich Liſa.„Ich wollte Sie eine geheime Treppe hinunterführen; man muß aber vor dem Schlafzimmer vorbei und ich fürchte mich.“
„Sagen Sie mir, wo ich dieſe geheime Treppe finde, ich will allein binausgehen.“
Liſa ſtand auf, nahm aus ihrer Kommode einen Schlüſſel, gab ihn an Herrmann und beſchrieb ihm den Weg, den er zu nehmen hatte. Herrmann ergriff ihre kalte Hand, drükte einen Kuß auf ihr geſenktes Haupt und ent⸗ fernte ſich. 1.
Er ging die Wendeltreppe hinunter und betrat wieder das Schlafzimmer der Gräfin. Die todte Alte ſaß erſtarrt da; auf ihrem Antliz ſprach ſich tiefe Ruhe aus. Herrmann blieb vor ihr ſtehen, ſah ſie lange an, als wolle er ſich von der ſchreklichen Wahrheit feſt überzeugen; endlich ging er in's Kabinet, tappte längs den Tapeten nach einer Thür, ſchloß ſie auf und ſtieg, von ſeltſamen Gefühlen bewegt, eine dunkle Treppe hinunter. Auf dieſer nämli⸗ chen Treppe, dachte er bei ſich ſelbſt, ſchlich vielleicht vor 60 Jahren in die— ſes nämliche Schlafzimmer, in dieſer nämlichen Stunde, im brodirten NRok, a Poiseau royal friſirt, ſeinen dreiekigen Chapeau-bas an's Herz gedrükt, ein junger glüklicher Liebhaber, der ſchon längſt im Grabe vermodert iſt, und das Herz ſeiner ergrauten Geliebten hat heute aufgehört zu ſchlagen.—
Unten an der Treppe ſand Herrmann eine Thür; er öffnete ſie mit dem nämlichen Schlüſſel und befand ſich bald darnach auf der Straße.
(Fortſezung folgt.)
Napoleons Widerwille gegen die Journaliſten.
Die ſchlechteſte Empfehlung, die ein Mann in Napoleons Augen haben konnte, war die, ein Zeitungsſchreiber zu ſein. Kurz nach dem 18. Brumaire, erzählte der Fürſt Cambaceres, bat Fabre de l'Dude, der immer ein Liebling Napoleons geweſen war, in meiner Gegenwart für einen ſeiner Bekannten um eine Anſtellung.„Was hat er gethan?“—„Er iſt Journaliſt geweſen.“— „Ein Zeitungsſchreiber? Das heißt ein Tadler, ein Beſſerwiſſer, ein Rath—⸗ geber, ein Fürſtenregent, ein Völkervormund. Das Narrenhaus iſt der beſte Plaz für Leute dieſer Art.“—„Aber,“ entgegnete Fabre, der immer frei ſprach,„Sie verwenden doch alle Tage Leute, die Journaliſten geweſen ſind.“ —„„Wenn ſie nichts Befferes wären, würde ich ſie bald entfernen. Ich weiß, ſie beſizen große Talente, aber troz dem brauche ich ſie höchſt ungern.“


