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und Pochen mit Stöken und Füßen nicht genug hat, ſondern mit vollen Ke h⸗ len zu ſchreien anfängt:„Herr Ypſilon, heraus! Mad. Zet, heraus!“ und nicht eher nachläßt, ſo zu ſchreien, bis ein erſtochener König, eine vergiftete Prinzeſſin plözlich ein Auferſtehungsfeſt feiern, und vor einem Publikum, das eben ärger wie eine Heerde Löwen gebrüllt hat, auf dem Proſcenium, halb gefeiert, halb gefoppt mit ſubmiſſen Büklingen und Knixen erſcheinen und ihren gefühlteſten Dank mit herkömmlichen Phraſen, wobei die Worte: „gütige Nach ſüch tt“ nie fehlen dürfen, oder mit gerührter Mi—⸗ mik zu erkennen geben müſſen. Es geht nichts über die Erhabenheit und Würdigkeit einer ſolchen Szene! Sie iſt das Zenith ſchauſpieleriſcher Trium— phe und Ehren. Sie iſt der Kulminationspunkt der gnädigen Laune des Pu— blikums, als deſſen tüchtige und würdige Repräſentanten, die Studenten, die Gymnaſiaſten) die Kommis und die Nobleſſe der Handwerksgeſellen(leztere doch nur Sonntags, wegen ihrer jugendlich geſunden und kräftigen Kehlen ſich in der Negel am rühmlichſten hervorthun.
Und wenn nun vollends Kränze und beverſelte Bänder geflogen kommen, oder wenn Schauſpieler und Schauſpielerinen zu halben Duzenden, ja wohl gar das ganze Perſonal, das geſpielt hat, gerufen wird— mitunter, in der Wuth des Enthuſiasmus, auch der Dekorationsmaler, der Maſchinen⸗ meiſter nebſt dem Feuerwerker, ja ſelbſt der Dichter und der Komponiſt— o, mein Gott! o, heiliger Apoll! welche Momente ſind das für die Heraus⸗ gerufenen, Herausgeſchrienen, Herausgebrüllten! Von welchen anerkennenden Dankgefühlen fließt da das Publikum, von welcher ſtolzen Götterglükſeligkeit fließen da die Gefeierten über! 5
Doch wie— nach Napoleon's Ausſpruche auf der Retirade von Moskau— an das Erhabene das Lächerliche grenzt, ſo wohnt oft, in einem und dem nämlichen Herzen, dicht neben der lobenswertheſten Dankbarkeit die unverzeih⸗ lichſte- Undank barkeit und dicht neben der jauchzenden Glükſeligkeit trauert der bitterſte Schmerz. Mit einem Worte: Faſt jeder Lump auf den Bret⸗ tern wird irgend ein Mal und wär' es auch nur wegen der beluſtigenden Dumm— heit beklatſcht, ja wohl gar herausgerufen, nur Einer, Einer nicht— und zwar der Wichtigſte, der Unentbehrlichſte von Allen— der Souffleur!!—
Und wie das kränkt und ſchmerzt, das kann Niemand beſſer wiſſen als ich, ich— denn auch ich bin ein Souffleur und bin es, mit allen Ehren, ſeit vielen Jahren ſchon, ohne jemals beklatſcht oder gerufen zu ſein. Doch grolle ich für ſolche Zurükſezung und ſolchen Mangel an Anerkennung nicht für mich allein, ſondern im Namen aller meiner Kollegen. Und ſo darf ich wohl glau— ben, ich rede hier ein Wort von Gewicht, ein Wort zu ſeiner Zeit, das Deutſchland nicht auf die Erde fallen laſſen, ſondern gehörig beherzigen wird. Man höre und bedenke Folgendes:
Die ſämmtlichen Theaterhelden, vom Kleinſten bis zum Größten, die ſämmtlichen Theaterprinzeſſinen von der Häßlichſten bis zur Schönſten— was wären ſie ohne den Souffleur? Sie haben, beſonders was die Herren betrifft, nur zu oft viel angenehmere Dinge zu thnn, als ihre Rolle gehoͤrig auswendig zu lernen, zum Beiſpiel: zu trinken, zu ſpielen, zu liebeln, zu
faulenzen und dergleichen mehr. Da wird dann unaufhörlich:„Sa mief,
vil!“ nach dem Souffleurkaſten hinunter geſeufft.— Der Souffleur iſt ihr
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