Jahrgang 
Band 2 (1837)
Seite
467
 
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Vor mund im wahr ſten Sinne des Worts: dann erſt, wenn er vor ihnen ſeinen Mund geöffnet und in flüſternde, oder auch noch lautere, Thätigkeit geſezt hat, können ſie die deklamatoriſche Thätigkeit des ihrigen nachfolgen laſſen. Der Souffleur, auf ſeinem beſcheidenen Seſſel, gehört freilich nur der kleinen Hälfte ſeines Leibes nach, der Oberwelt der Bühnenbretter an, indem die größere Hälfte ſeiner leiblichen Individualität in die Unterwelt jener Bretter gebannt iſt; doch mit ſeinen edelſten Sinnwerkzeugen und mit ſeinem unermüdlichen Sprachorgane ragt er unausgeſezt während des Theater ſpiels in jene Oberwelt hinein und iſt für den Schauſpieler nicht etwa ein böſer, nekender Kobold, ſondern ein ſo guter, wohlthätiger Genius, als wenn er unmittelbar für ſie aus dem Himmel verſchrieben wäre. Daher denn auch der ſtolzeſte Theaterkönig, der keinem Menſchen Audienz geben will, und die ſprödeſte Theaterprinzeſſin, die ſelbſt von einem Kröſus in Adonis Geſtalt(man bedenke, was dies ſagen will) nichts vorgeſchwazt haben will, doch nach ihrem ewigen Vertrauten, dem unentbehrlichen Souffleur, auf das Geſpannteſte hin horchen. Selbſt Genien und Götter, wenn ſie die Bühne betreten, ſpizen ihre himmliſchen Ohren nach dieſem Amphibium der theatraliſchen Ober- und Unterwelt hin. Kurz, der Souffleur iſt das wahre Faktotum, der unentbehrliche Hauptträger des einfältigſten, wie des geiſtvoll ſten und wizigſten Stüks. Ein kleines unſchuldiges Entſchlummern eine kleine malitiöſe Ohnmacht des Souffleurs in ſeinem Kaſten: und die größten Notabilitäten auf der Bühne würden anfangen zu ſtottern, würden vergebens den ſonſt ſo beredten, heroiſchen Mund öffnen, gleich einem Karpfen, der aus dem Waſſer gezogen iſt. Aber der gutmüthige Souffleur, er entſchlummert nicht, er fällt nicht in Ohnmacht, während er in ſeinem Souffleurkaſten ſtekt, und, als Haupttriebfeder, das Uhrwerk des Stüks im Gange zu erhalten har. Seine Ohnmacht verſchiebt er, bis er für ſeine kleine Heerde von Kin dern eine Menge von Rechnungen bezahlen ſoll, ohne zu wiſſen wovon; und zum Entſchlummern kommt er erſt, wenn die Gardinen-Predigten ſeiner Frau (bei denen er nie zu ſouffliren braucht, weil ſie meiſtens extemporirt werden) zu Ende ſind.

O, verehrungswürdiges Theater-Publikum! Darum laß doch endlich auch dem verdienſtvollen Manne im Souffleurkaſten Gerechtigkeit widerfahren! Höre endlich auf, gegen dieſen beſcheiden Verſtekten ſo heillos undank bar zu ſein, wie bisher! Achte doch endlich auch ihn, wenn er damit die Herren der Bühne nicht ſteken bleiben ſich vernehmlich und immer vernehmlicher muß hören laſſen, deines anerkennenden Beifallsklatſchen werth! Und wo es ganz in die Augen und Ohren ſpringend geweſen iſt, wie ſchlecht der eine und der andere Bühnenheld memorirt, und wie nur der unermüdliche Souffleur, mit Aufbietung ſeiner ganzen Kraft, ihn vom Auspfeifen gerettet hat o, da rufe, nach gefallenem Vorhange, doch auch ein Mal:Souffleur, her aus! Souffleur, heraus! und höre nicht auf zu ſchreien, ja erescendo zu brüllen, bis ſeine nöthige Veſcheidenheit beſtegt iſt, und er den Kaſten. über ſeinem Haupte nach dem Vorhange hinüberſtülpt.

Es wird ein unendlich ſeliger Augenblik für iyn ſein.

O. A. 3.