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8.
Gegen Abend ließ ſich ein noch ziemlich junger Mann als Notar bei ihr anmelden. Er ward ſofort eingelaſſen.
Die Gräfin verriegelte beide Thüren. Das Kammermädchen, von Neu⸗ gier getrieben, legte ihr Ohr an's Schlüſſelloch, in der Hoffnung, etwas vom Geſpräche zu erforſchen. Aber Beide unterhielten ſich mit ſo leiſer Stimme, daß Fedora auch nicht ein einzig Wörtchen davon erſchnappen konnte.
Der vorgebliche Notar blieb ein halbes Stündchen und entfernte ſich dann.
(Beſchluß folgt.)
Mein dramatiſcher Stiefelpuzer. .(Beſchluß.)
„Und wann kommen die Menſche n?“ fragte ich.
„Wer fragt nach den Menſchen? dieſen alltäglichen Zweifüßern, die auf dem Theater zu dem Gewöhnlichen gehören, wenn intereſſante Vierbeine mit Schwabacherlettern auf dem Zettel zu leſen ſind?— Was zieht mehr?— ſchlagen Sie die Weltgeſchichte der Bühnenverwaltungen nach— und berech⸗ nen Sie, ob„die Räuber“ mit oder ohne Pferde eine größere Einnahme be— wirkt haben?— Sie machen eine ſpöttiſche Miene?— gerade das that mein Direktor auch, als ich ihm mein Drama anbot, aber laſſen Sie uns nur mit einigen klaſſiſchen Stüken, wie man ſich in der Kunſtſprache ausdrükt, ab⸗ brennen, daß in der Einnahme die Ebbe eintritt, und der Boden der Thea⸗
terkaſſe ſichtbar wird; dann ſehe ich ihn ſchon mit beiden Händen darnach lan— gen, wie ein Schiffbrüchiger nach einem Brette, dann ſollen Sie eine Frei— loge haben, und wenn auf fünfzig Vorſtellungen pränumerirt wäre. Da ein Affe und ein Hund ſchon ſo magnetiſch auf menſchliche Herzen einwirken, ſo müßte es mit dem Henker zugehen, wenn der Anblik einer ganzen Viehheerde nicht das kunſtliebende Publikum vor Entzüken raſend machen ſollte!“
Da ich, leider! ſeit Aubris Pudel, der Goethe von der Bühne vertrieb, manche Erfahrung der Art gemacht hatte, ſo konnte ich dem Manne nicht ganz unrecht geben, und ſchwieg. Mit triumphirender Miene, gleich einem ſiegreichen Feldherrn, verließ er mich.—
In der That, der Mann vertritt bei mir die Stelle der Theaterjour— nale, und wie Jener, der nur Eine Anektobe zu erzählen wußte, und ſie bei jeder Gelegenheit anbringt, führte unſern Held jedes Geſpräch auf ſein Lieblingsthema, das Theater, zurük.„Das Theater,“ ſagte er einmal mit vieler Salbung— er mußte es irgendwo geleſen haben—„iſt die ſchönſte Er⸗ findung des menſchlichen Geiſtes, der wahre Stein der Weiſen. Wenn wir in ſeine Hallen eintreten, fällt der Sorgen Zentnerlaſt von unſrer Bruſt, und die Wünſchelruthe des Dichters verſezt uns in ein wunderbares Land, wo aus jedem Buſche Roſen und Engelsköpfe guken; es iſt der Zauberſpiegel des Muſäus, in welchem wir unsre Fehler und Schwächen erbliken, und der uns den ſchwindelnden Abgrund zeigt, in den wir hineinplumpen werden, wenn wir uns das warnende Beiſpiel nicht zu Herzen nehmen!— Habt ihr ein ver⸗ drießliches Geſchäft vor euch, beſizt ihr ein Hauskreuz, daß euch inner euren, vier Pfählen jede Freude verbittert, oder liegt ein trauriger Gedanken wie


