450 7
Ach! die Komteſſe iſt ſeit drei Tagen ganz wie umgewechſelt. Sie, die ſonſt ſo heiter und froh, ſo geſprächig und mittheilend, ſo mild und freund— lich war, iſt ſeit dem lezten Freitag traurig und niedergeſchlagen, kalt und einſylbig, ſtolz und verdrießlich. Sie, die den ganzen Morgen am Flügel ſaß, und ihre Lieder ſang, liegt jezt den ganzen Tag auf dem Sopha und weint, will keinen Beſuch annehmen und läßt ſelbſt die vertrauteſten Freunde, die ſie ſonſt zu jeder Stunde willkommen hieß, bald unter dieſem, bald unter jenem Vorwand abweiſen. Sie, die ſonſt tagtäglich in Geſellſchaft fuhr, bleibt jezt zu Hauſe, macht faſt gar keine Toilette, geht um 8 Uhr zu Bette, und ſeufzt dann ſo laut, daß ich's im Nebenzimmer höre. Sie, die ſonſt ſtunden— lang vor dem Spiegel ſaß, mit Wohlgefallen das Abbild ihrer Schönheit betrachtend, ſieht jezt nur mit Widerwillen ihre Züge.
Was ſoll ich davon denken?
Jedenfalls etwas Schlimmes, Herr Baron. Die Gräfin ſieht ſehr lei dend aus;.... ſie ſcheint ſich abzu härmen.
Aber worüber?
Das weiß ich eben nicht. Und frage ich ſie, was ihr fehle, ſo antwortet ſie mir ſtolz und mürriſch: Nichts, gar nichts!
Bei'm Bart des Propheten, da ſtekt ein Geheimniß, das ich ergründen muß. Willſt du mir behilflich ſein, meine Taube?
Das verſteht ſich!
Morgen komm' ich wieder; läßt ſie mich abermals abweiſen, da bei'm Wiſchnu— ſieht ſie mich nie wieder!*
Er wollte gehen. 1
Noch eins, Herr Baron.— Was willſt du?— Iſt mir eine Frage er⸗ laubt?— Frage!— f 9
Sie ſchwören immer bei'm Wiſchnu; was war dies für ein Mann 1
Wiſchnu, liebes Kind, war ein oſtindiſcher Partikulier, der von ſeinem Gelde gelebt, und ſpäter, Gott weiß warum, in den Himmel verſezt wurde.
Ich danke Ihnen, Herr Varon.
Nicht Urſache mein Herzchen!
2.
Gräfin Nicanora ſezte ſich an ihren Pult, und ſchrieb:
Geehrteſter Herr! Eine Dame, die ſich ſeit drei Tagen in einer ver— zwelflungsvollen, troſtloſen Lage befindet, fleht Sie um Ihren Belſtand an. Der Ruf Ihrer großen Diskretion gibt ihr den Muth, ihnen ein Geheimniß von der größten Wichtigkeit anzuvertrauen. Sie will ihr Herz und ihren Kummer vor Ihnen ausſchütten..... Sie ſind der Einzige, der ihr hel— fen, der ſie retten kann. Nicanora, Gräfin Chaſaneff.
P. S. Verſchiedene Gründe machen es nothwendig, Sie zu bitten, ſich bei mir unter fremdem Namen als Notar anmelden zu laſſen. Ich wünſche, daß keiner einer Domeſtiken Ihren wahren Stand erfahre; mein Geheimniß wäre ſonſt verrathen, und ich für immer entehrt.
Heute gegen Abend erwarte ich Sie. Die Obige. 4
Dann verſlegelte ſie den Brief und ſchrieb die Adreſſe. Ihr Jokay, ein Mohr, dem ſie bei Strafe der Entlaſſung die größte Verſchwiegenheit anbe— ſahl, mußte den Brief wegtragen.


