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gen ans mit Kunſtgenüſſen. Wenn ei⸗ nerſeits das Gaſtſpiel des Künſtlerpaa⸗ res Anſchütz dieſen klaſſiſchen Status momentan herbeiführt, ſo gibt auch unſere Bühne den erfreulichen Beweis, daß ſie über namhafte Kräfte gebieten könne, und eine Kapazität inne habe, um ſelbſt die höchſten Aufgaben der dramatiſchen Kunſt, ſo manigfaltig ihre Anforderungen auch ſein mögen, vollkommen genügend zu löſen. Einer höͤchſt gerundeten Vorſtellung erfreuete ſich Leſſings eben ſo altes als gediege⸗ nes Luſtſpiel„Minna v. Varnhelm.“ Dieſes Meiſterwerk, das zwar faſt nur als ein Sittengemälde der 70 ger Jah- re des vorigen Jahrhunderts? anzuſe⸗ hen iſt, hat ſo vielen geſunden Sinn in der Handlung, ſolche ſcharfgezeich— nete u. gehaltene Charaktere, u. ſolchen wizigen Dialog, daß es fär alle Zei⸗ ten ſeinem Publikum eine geiſtreiche Unterhaltung bieten wird, wenn gleich einige Längen und einige Frivolitäten den Genuß etwas verkümmern.— Hr. Anſchütz gab den Wachtmeiſter mit ei— nem anziehenden Gradſinn einer lie— benswürdigen ſoldatesken Derbheit nnd einem natürlichen Humor. Er wußte ſich in jeder Szene Theilnahme zu ver— ſchaſſen, die von Moment zu Moment geſteigert wurde. Mad. Anſchütz gab die Franziska, ein Stubenmidchen, eine Kammerjungfer. Aber welch eine Soubrette! Wie ſchwang ſich doch dieſe zur Hauptrolle empor, und wie unter— geordnet ſtand ſelbſt ihre Gebieterin 5 die Minna v. Varnhelm ſelber(Mad. Grill) gegen ſie! Dieſes Schnippiſche, dieſes Nekiſche, Geſchäftige, Geſchwä⸗ zige ſtand ihr wie angegoſſen und ſie repräſentirte alle Stubenmädchen in der ganzen theatraliſchen Welt. Mad. Anſchütz ſchien um die Hälfte jünger, ſo munter, nett und friſch war ſie.— Mad. Grill gab die Titelrolle mit ſtu⸗ dirter Haltung; nur ſcheinen uns ihre
Drehungen und Wendungen bes Kör⸗ pers ſamme der vielfachen Bekleidung deſſelben nicht für jede Rolle paſſend. Uebrigens leiſtete ſie Vefriebigendes. — Hr. Dietrich(Major) ſpielte mit Anſtand u. Würde, nur wollte es mit dem Memoriren diesmal nicht ganz aus⸗ reichen.— Hr. Rott gab den Wirth mit launiger Pedanterie; Herr Lang den Juſt ſehr drollig. Hr. Kalis war als Ricaut ächt franzöſiſch und faßte ſeine Rolle von der rechten Seite auf. — Hr. Demmer und Mad. Deny be⸗ friedigten ebenfalls in ihren kleinern Rollen und ſo gefiel das Ganze unge⸗ mein.— Hr. und Mad. Anſchütz wur⸗ den ſehr oft gerufen, am Schluſſe ſprach Hr. Anſchütz ein Paar ſinnige Worte. — Tag vorher trat Dem. Padſera (Schweſter unſerer Mad. Kalis) auf. Sie gab den Pagen in„Johann v. Baris“ lerſter Akt) und den„Nataplan.“ Dem. Padjera hat ein allerliebſtes Figürch en und eine klangvolle und angenehme Stimme. Sie betrat muthig den neu⸗ en Schauplaz und ſang und ſpielte recht nett, beſonders in der Oper, wo—⸗ durch ſte ſich auch den allgemeinſten Beifall erwarb. Wie wir hören, i ſt dieſe junge Sängerin für das Soubret— tenfach in der Oper engagirt 5 wir dür⸗ fen uns hiezu gratuliren. Hag. Ofen.(Gaſtſpiel des Hrn. Wo⸗ the.) Nachdem Hr. Wothe, k. k. Hof⸗ ſchauſpieler, am 6. d. M. in zwei klei⸗ nen Luſtſpielen, beſonders aber als Vatel im„Ehrgeiz in der Küche“, durch die ſeine Nüancirung und die lebendi— ge Auffaſſung ſeiner Rolle das Publi— kum enthuſiasmirte, trat er am 11. abermals in zwei einaktigen Plecen zur zweiten Gaſtdarſtellung auf; näm— lich als Rittmeiſter, in Kotzebues„Edu⸗ kationsrath““ und als Pfeffer in Le— bruns„Nro 777.“ Die erſtere Poſſe iſt eines der mißrathenſten Produkte, die je aus Kotzebues Feder floß; die


