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ſertigt worden, und Napoleon rief dann laut: Aha! darin zeigt ſich die Ue— berlegenheit unſerer Fabriken über die des Auslandes, über die„der Anderen.“ — Er bezeichnete die Engländer nie anders, als mit dieſem Ausdruk.
Aber Joſephine täuſchte ihn, die meiſten ihrer weißen Kleider waren aus indiſchem Mouſſelin von der beſten Sorte oder von prächtigem engliſchen Perkal, und weder der eine noch der andere dieſer Stoffe konnte anders als durch Einſchwärzung nach Frankreich gelangen. Endlich aber nahmen die Kunſt⸗ griffe Joſephinens ein Ende.
Man hatte Napoleon ſchon heimlich benachrichtigt, daß verſchiedene Puz— Gegenſtände, welche ſie ganz kürzlich erhalten, als Kontrebande über die hol— ländiſche Grenze gegangen wären, obſchon der Kaiſer ſeit der Wegnahme der oben erwähnten Kaſchemir-Shawls noch ſtrengere Befehle an den Direktor der Ein- und Ausgangs-Zälle in Antwerpen, Herrn Collin, erlaſſen und nament— lich befohlen hatte, alle Waaren, welche nur irgend verdächtig ſchienen, mit Beſchlag zu belegen. Nun erhielt er eines⸗ Morgens von dem genannten Di— rektor die ämtliche Nachricht, daß eine Kiſte engliſcher Waaren, unter wel⸗ chen ſich zwölf baumwollene Tüllſchleier befanden, nach ſeinem Befehle ange— halten und unverzüglich verbrannt worden ſeien. Herr Collin fügte zur Un— terſtüzung ſeiner Angabe alle rechtfertigende Belege bei, und unter andern den Beſtellungsbrief, welcher zwar nicht unterſchrieben, aber deſſen Inhalt, obſchon verblümt, augenſcheinlich bewies, daß die Kiſte für die Kaiſerin be— ſtimmt war, und daß ſie ſelbſt den Ankauf dieſer Sachen befohlen habe.
Bei dem Durchleſen dieſes Aktenſtükes gerieth Napoleon gegen ſeine Ge— mahlin in Zorn. Indeſſen beruhigte er ſich doch wieder, als er an den Strich durch die Rechnung dachte, welchen ihr der Zoll- Direktor gemacht. Er ließ ſich nichts merken und verſchob die Sache auf einen paſſenden Tag, um ſich mit ihr darüber auszuſprechen, indem er darauf rechnete, daß ſie früher oder ſpäter, wenn ſie keine Nachricht von den mit ſo vieler Ungeduld erwarteten Puzſachen erhielte, ſelbſt eine Erklärung provoziren würde. Dieſe Gelegen— heit zeigte ſich auch bald. l
Eines Morgens, als ſie zuſammen frühſtükten, bemerkte Napoleon bel Joſephinen eine Art Unruhe, welche in ſeiner Gegenwart ungewöhnlich war. Da er die Urſache dieſer Ungeduld errieth, ſo benuzte er augenbliklich die Gelegenheit, um die furchtbare Erklärung einzuleiten.„Was fehlt dir denn heute, meine Theuerſte?“ fragte er im Tone des Vorwurfs,„du ſcheinſt mir ganz verſtimmt.“ Joſephine antwortete mit gleichgiltigem Accent, daß ſie wirklich ſeit einigen Tagen etwas verdrießlich ſei, und zwar wegen der Ver⸗ zögerung einer Kiſte mit verſchiedenen Waaren, welche ſie bei Lyoner Kauf— leuten beſtellt.—„Wenn es weiter nichts iſt, ſo beruhige dich; deine Kiſte wird ſchon an ihre Beſtimmung gelangen.“—„Aber ſie müßte ſchon da ſein.“ —„Die Sachen werden unterweges aufgehalten worden ſein! Es iſt ſo ſchlechtes Wetter!“—„Ja, ich muß es wohl glauben.“
„Oder,“ fügte Napoleon mit ironiſchem Ton hinzu,„die Kiſte iſt viel— leicht von Räubern genommen worden, wer weiß?“—„Ach, nein! ich fürch⸗ te vielmehr, das...—„ſie bei der Antwerpener Zoll- Linie an⸗ gehalten wurde?“ unterbrach ſie der Kaiſer, indem er ſchnell von ſeinem Siz aufſtand.„Könnte nicht etwas dergleichen den Sachen, welche du aus Lyon


