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erwarteſt, begegnet ſein? Geſtehen Sie nur, Madame, und es ſoll nicht mehr davon die Rede ſein.“ N
Die lezten Worte wurden mit einer nichts weniger als freundlichen Mie⸗ ne geſprochen. Die arme Joſephine, äußerſt verlegen, da ſie merkte, daß ſie verrathen ſei, ließ den Kopf ſinken, ohne etwas zu antworten.
Napoleon wollte von ſeiner Ueberlegenheit keinen Gebrauch machen, ſezte ſich, näherte ſich ſeiner Gemahlin, ergriff ihre Hand und ſagte zu ihr mit großer Bewegung:„Höre mir zu, meine theure Freundin, du weißt, daß ich niemals lüge, ich aber weiß, daß der größte Aerger, welchen ein Mann ſei⸗ ner Frau verurſachen kann, darin beſteht, ihre Hüte und Kleider einzuſchlie⸗ ßen; wiſſe denn, ich habe Alles erfahren, ich ſelbſt habe Beſchlag auf dieſe Kiſte legen laſſen, und ſie iſt mit Allem, was ſie enthielt, verbrannt worden.““ — Hier konnte die Kaiſerin eine gewiſſe krampfhafte Bewegung nicht unter⸗ drüken.—„Ja, verbrannt, auf meinen Befehl,“ wiederholte Napoleon.„Ich will es dir diesmal noch zu gute halten, aber nur unter der einen Bedin⸗ gung, daß, wenn es noch einmal geſchieht, ich unverzüglich deine unverſchäm—⸗ ten Kommiſſionäre verhaften und verurtheilen laſſe. Dann magſt du den Ver⸗ ſuch machen, mich um ihre Begnadigung zu bitten, und ſehen, ob ich ſie gewähre.“
Dennoch traf ſich eine Gelegenheit(vielleicht die einzige), wo der Kaiſer über eine weit ſträflichere Verlezung der Zollgeſeze die Augen zudrükte; denn es handelte ſich um weit mehr, als gewöhnliche Kontrebande.
Zu Ende des Jahres 1807 kehrten die Grenadiere der alten Garde, welche den Kaiſer nach Deutſchland begleitet hatten, unter Anführung ihres Chefs, des Generals Soulés, nach Frankreich zurük. Als ſie in Mainz an⸗ kamen, wünſchte der dortige Zoll-Direktor Lamar mit ſeiner mißlichen Stel⸗ lung alle mögliche Nachſicht zu verbinden, und begab ſich daher zu dem Ge⸗ neral, um ihn von der unumgänglichen Nothwendigkeit in Kenntniß zu ſezen, die Geſeze in Ausführung zu bringen und folglich alle Trainwagen, welche er mit ſich führe, unterſuchen laſſen zu müſſen. Die Antwort Souleés bei die⸗ ſer freundlichen Eröffnung war eben ſo kurz als energiſch.„Dieſe Geſeze,“ antwortete er,„gehen uns nichts an, und wenn ein einziger Ihrer Beamten die Hand an die Kaſten meiner alten Soldaten legt, ſo laſſe ich Ihre Diener alle wie junge Kazen im Rhein erſäufen.“ 1
Der Zoll⸗Direktor zaudert, aber die Zoll⸗Beamten, auf ihre Menge vertrauend, zeigten ſich entſchloſſen, die Unterſuchung zu beginnen, und er⸗ ſcheinen in demſelben Augenblik, wo die Grenadiere die Stadt verlaſſen wol⸗ len. Der General aber ließ ſeine Soldaten Karre formiren, die Bajonette kreuzen und die Traknwagen ins Zentrum bringen. Da die Zoll- Beamten nicht weiter zu gehen wagten, ſo wurden ſie genöthigt, ſich mitten unter dem Hohngelächter, dem Geſpött und dem Pfeifen der Soldaten und Neugierigen, welche dieſe Szene herbeigelokt hatte, zurük zuziehen.
Herr Lamar überſandte unverzüglich dem General-Direktor der Steuern in Paris einen umſtändlichen Bericht, welcher lange vor der Ankunft der alten Garde in Courbevoie, ihrer gewöhnlichen Garniſon, dem Kaiſer vorge— legt wurde. s 5
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