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Kunst. Eleganz und Mode.
Vebuter Halte gaug.
54. Sonnabend, 8. Juli. 1837.
Anekdoten aus der Zeit der Kontinental-Sperre. Von einem Pagen des kaiſerlichen Hofes.
Einer der umfaſſendſten Gedanken Napoleons war unzweifelhaft die voll— ſtändige Verwirklichung des ſogenannten Kontinental-Syſtems. Gegen die Kon— trebande zeigte er daher unbeugſame Strenge. Um ſich nicht durch eigenmäch— tiges Verfahren die kaiſerliche Ungnade zuzuziehen, bat ihn einſt der Zoll- Direktor von Marſeille, Peilhon, ſchriftlich um ſeine Meinung. Es handelte ſich um eine Konfiskation, von welcher er, wie er ſich ausdrükte, geglaubt habe, ſeine Beamten nicht entbinden zu dürfen. Der Gegenſtand war ein Ballen mit drei Duzend indiſcher Kaſchemir-Shawls, aus Konſtantinopel an Joſephine adreſſirt, welchen er anhalten ließ, obgleich er die Aufſchrift trug: An Ihre Maj. die Kaiſerin der Franzoſen, Königin von Italien de. Mit umgehender Poſt erhielt Herr Peil hon den Befehl, die Kaſchemir-Shawls zu konfisziren und den Flammen zu übergeben.
Vierundzwanzig Stunden nach Empfang dieſes Befehls wurden die drei Du zend Kaſchemir-Shawls unbarmherzig vor aller Augen auf dem großen Plaz in Marſeille verbrannt.
Napoleon hatte lebhaft gewünſcht, daß die Damen bei Hofe franzöſi— ſ che Kaſchemir-Shawls tragen, aber hiergegen hatte ſich der alte Adel mit dem neuen verſchworen und was die indiſchen Kaſchemir-Shawls betrifft, ſo ward es ihm ſchlechterdings unmöglich, den Geſchmak der Schönheiten umzu— ſtimmen, die in den Tuilerien den Donnerſtag-Zirkel bildeten. Er ward ſehr böſe, wenn er Hofdamen in fremde Stoffe gekleidet erblikte; dann runzelte er die Stirn und bezeugte laut ſeine Unzufriedenheit. Andererſeits hörte er aber auch nicht auf, Joſephinen zu beſtürmen, ihm den genaueſten Preis der Stoffe mitzutheilen, die ſie zu ihrem Anzuge gebrauchte. Sie antwortete ihm gewö hn⸗ lich: Dieſes Kleid kommt aus St. Quintin, dieſer Mantel iſt in Lyon ver⸗


