Jahrgang 
Band 2 (1837)
Seite
420
 
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420 Ole Eiferfüchtige.

Lieder, die ein Dichter ſorglos niederſchreibt, die irgend ein Komponiſt nach Gefallen in Muſik ſezt, und die in tauſendſtimmigen Refrains vom Volke heſungen werden, ſtiften oft mehr Uebel, als man glauben ſollte. Wie oft iſt es nicht ſchon in Verſen wiederholt worden, daß es ohne Eiferſucht keine Liebe gebe, und welche Entſchuldigungen hat dieſes Wort den Eiferſüchtigen nicht ſchon in die Hand gegeben? i

In Paris ſingt ſeit langer Zeit auf dem Markte St. Honors ein alter Mann mit zitternder Baßſtimme ein Lied mit folgendem Refrain:

Non, sans jalousie(Nein, ohne Eiferſucht

II n'est pas d'amour! Gibt's keine Liebe!) und alle Köchinen, Hausmeiſters-Töchter und ſelbſt Frauen, die den Markt beſuchen, um häusliche Bedürfniſſe einzukaufen, und dieſen Singſang hören, glauben, wenn ſie nach Hauſe kommen, ihren Eheherrn, Geliebten oder Ver ſprochenen irgend eine Szene machen zu müſſen, um hiedurch erſt ihre Liebe zu bewahrheiten. 5.

Ich mache auf ſolche Gefahren gerne aufmerkſam, um ſo mehr, als erſt neulich ſich ein Fall ereignete, den ich meinen verehrten Leſerinen hier mit⸗ theilen will. f

Eine junge Frau hatte bis dahin die Nächte ſehr ruhig geſchlafen, und erwachte nunmehr faſt jede Nacht unter fürchterlichem Alpdrüken. Eine Folge des Liedes, das ſie jeden Morgen hörte, wenn ihr Weg ſie über den Markt führte. um Mitternacht träumte ſie gewöhnlich von Kazen, was gewiß ein Jeder, der etwas von Traumdeutungen und Kaffeſaz verſteht, für ein böſes Zeichen anerkennen wird, das genau mit jenem unehrbaren Worte überein ſtimmt, welches Molière gern, und unter den neuern franzöſiſchen Schriftſtel⸗ lern Paul de Kock oftmals gebraucht, wenn er irgend eine frivole Eheſtands⸗ geſchichte ſeinen Leſern vorführt. Man wird nicht verlangen, daß ich ein Wort dieſes in Paris ſo mißgeachteten Griſetten-Autors in guter Geſellſchaft wiederhole. Je öfter die gute Dame aber von Kazen träumte, deſto mehr wurde ſie ſelbſt zur Löwin, Tigerin und Luchſin. Eine Löwin nämlich in der Wuth, eine Tigerin in der Schnelligkeit, eine Luchſin im Scharfblik.

An einem ſchönen Morgen ſchleicht die arme Frau auf den Füßſpizen in das Zimmer ihres Gatten, um ihn zu belauſchen. Er war allein, und als ein tugendhafter Mann von reinem Gewiſſen ſang er ſich ein Liedchen. Un glüklicher Weiſe aber lautete es:

Nur dich zu lieben, theure Leonore!

ſeine Frau aber hieß Auguſtine. Dies war ihr genug. Kaum vermochte ſie es, ſich zu faſſen. Hätte denn der Mann nicht mit leichter Mühe den Vers ſo ändern können: 5

Nur dich zu lieben, theure Auguſtine! wenn er ſeine Frau wahrhaftig geliebt hätte! Von dieſem Augenblike an wurde das Verhältniß der Eheleute zur Hölle. Die Frau träumte von nichts, als von dem Geſpenſte Leonore. Forderte der Mann ein weißes Gilet, ſo hatte er gewiß im Sinne, Leonoren einen Beſuch abzuſtatten. Verlor er ein FJoulard, ſo hatte er es Leonoren geſchenkt.