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netſte, gebildetſte Mann ſeines Volkes in den Zeiten der Gefangenſchaft, mit dem Finger auf den Vers ſeines Buches zeigend:„Vis auf Chriſtus, den Fürſten, werden 7 und 62 Wochen ſein“— gleichſam als Schlußſtein des alten Bundes, weil mit ſeiner Angabe der Ankunft des Meſſias die Weis ſa⸗ gungen geſchloſſen, zum Bilde deſſelben gleichſam der lezte Strich get han, und die Sendung der Propheten, die Veſtimmung des alten Bundes, erfüllt wor den. Es vertreten daher dieſe Geſtalten das geſammte jüdiſche Volk, das alte Teſtament, und es erſcheint der Heilige deſto verehrungswürdiger, da ihm das Amt zu Theil ward, jenes Kind in ſeiner zarten Jugend zu ſchüzen und zu pflegen, auf welchem die Hoffnungen eines ganzen Volkes ruhten. Solcherge— ſtalt hat Prof. Kupelwieſer in ſeinem Bilde alle einzelnen Momente verei— nigt, welche zur Verherrlichung des Heiligen Bezug nehmen; er hat mit ihnen die höchſte Bedeutung verbunden. Der Heilige iſt nicht allein als ein— zelnes verehrungswürdiges Individuum, ſondern als Repräſentant eines gott⸗ ſeligen Lebens dargeſtellt, dem als Preis ſeiner Tugend die Seligkeit zu Theil geworden, die nach dem Spruche Chriſti jeden Gläubigen erwartet. Die Art und Weiſe des Vortrags iſt der Würde des Gegenſtandes und der Großartigkeit der Erfindung vollkommen angemeſſen, und ſo ſehr in die Augen ſpringend, daß nur wenig hierüber zu ſagen erübrigt. Es hat ſich hierin der Künſtler ſtrenge an die beſtehenden Typen gehalten, und dadurch ſein Bild allgemein verſtändlich gemacht: eine Vedingung, welche bei jedem Kunſt— werke überhaupt, bei einem Altarblatte um ſo mehr vorauszuſezen iſt. Dieſes gilt von der Figur des heil. Joſeph, des Jeſuskindes, welches in den älteſten Darſtellungen immer bekleidet erſcheint, der Erzengel, des Königs David. Wo ihn dieſe Anhaltspunkte verließen, ſuchte er den Charakter der Individuen durch Bezeichnung ihrer beſonderen Eigenthümlichkeit, oder durch Hindeutung auf wichtige Momente ihres Lebens anzuzeigen und kenntlich zu machen. Dieſes muß insbeſondere von Abraham und Iſaak geſagt werden, welche Ge— ſtalten durch Hinweiſung auf das Opfer am Hügel Morija wohl jedem, ſelbſt dem nicht gebildeten Veſchauer, bekannt ſein müſſen; daſſelbe gilt mehr oder weniger auch von Eleazar, Booz und Jeſſe; in hohem Grade aber von David und Daniel. Mit welcher Weihe der Künſtler den heil. Joſeph darge—⸗ ſtellt, haben wir bereits erwähnt; aber nicht weniger ſchön und edel ſind die Geſtalten der Engel und Erzengel vorgetragen, und es iſt vielleicht nie eine lieblichere Schöpfung dem Pinſel eines Malers entfloſſen, als in dieſem Bilde die Geſtalt Raphaels iſt. Dagegen ſind wieder die Geſtalten der Erzväter und Propheten voll Ernſtes und Menſchenwürde, und vollkommen geeignet, den Begriff der Stammeltern und Gewaltigen eines Volkes, die patriarchaliſche Einfalt und morgenländiſche Urkräftigkeit zu verſinnlichen, wie ſie uns die heil. Schrift in mächtig ergreifender Weiſe vor Augen führt.— Die Anord⸗ nung des Gemäldes iſt überdacht, der Raum wohl benüzt, die Gruppirung gelungen, zugleich einfach, klar und verſtändlich, die Zeichnung in den Köpfen voll Phantaſie und Charakter, in den Geſtalten und Gewändern kräftig, kor⸗ rekt, und im hohen Grade imponirend.— Rükſichtlich der Farbengebung ge⸗ ſtehen wir, noch nie ein Bild neueſter Zeit geſehen zu haben, welches, unge— achtet es noch mit keinem Firniſſe überzogen, und daher durch das Einſchla— gen oder Eintroknen der Farben der Effekt geſchwächt oder geſtört iſt, einen ſolchen Geſammteindruk verurſachte, einen ſolchen Guß beſäße. Des rieſigen


