Jahrgang 
Band 2 (1837)
Seite
412
 
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ſchaaren ſich freien äber den Sieg des Menſchen, jauchzen über ben Triumph des Gerechten, und ihn ſchmüken mit der Krone des ewigen Lebens.

Durch die glükliche Auffaſſung und Anwendung dieſer erhabenen und zu gleich ſo poetiſchen Ideen des Chriſtenthums iſt es dem Künſtler gelungen, nicht nur die Verherrlichung des Nährvaters Chriſti, ſondern gewiſſermaſſen die ganze Geſchichte ſeines Lebens ſinnbildlich darzuſtellen, und durch dieſe Symbolik die Drangſale des Tugendhaften, aber auch deſſen Lohn anzudeuten, dem Gläubigen zum Muſter und zum leuchtenden Beiſpiel der Nacheiferung.

(Beſchluß folgt.)

Ein Pariſer Zahnarzt.

Ein Zahnarzt zu Paris iſt jung und lebt als Mann der Mode. Seine Wohnung befindet ſich im erſten Stok eines prächtigen Hauſes, gerade über dem Eingang. Sein Kabinet ſtrahlt von ausgezeichnetem Luxus; ſogar ſein Schaffott, ein Lehnſtuhl à la Voltaire, worin der gefolterte Patient ſich windet, iſt prächtig ausgeſchmükt. Auf einem Pfeilertiſch, im Styl des Mit telalters, ſteht eine purpurne Schale, deren Anblik allein ſchon Schauder verurſacht, denn man gedenkt ihrer Veſtimmung. Nicht weit davon iſt auf einem Tiſchchen, deſſen battiſtene Deke blendend weiß dem Eintretenden entge⸗ genglänzt, eine Sammlung kleiner Inſtrumente aus blendendem Stahl grup⸗ pirt, deren Einfaſſung und Schmuk der Kunſt eines Juweliers gleichkommt. Der Zahnarzt ſcheut ſich nicht, dieſe kleinen, unſchädlichen Inſtrumente vor Euren Augen auszubreiten, hüttet ſich aber wohl, Euch einen Seitenblik in die geheimnißvolle Schublade ſeines Tiſches zu geſtatten; denn dort liegen die wirklichen Folterwerkzeuge verborgen. Er verſteht es, die lezteren bis zum Augenblik der Exekution geſchikt im Aermel zu verbergen; entlokt dann der Schmerz ihrer Berührung Euch einen unwillkürlichen Schrei, ſo ſeid verſi chert, er wird zugleich und noch lauter ſchreien, um die Ueberzeugung zu weken, er allein ſei der Leidende. 5

Im Zimmer des Zahnarztes betritt der Fuß nur ſeidengewirkte Tape ten; Blumenduft liebkoſt dort den Geruchsſinn in jeglicher Jahrszeit; ſchön gebundene Sammlungen von Stahlſtichen erheitern den Geiſt und bezweken, die Erneuerung der Schmerzen, welche den Beſuchenden herbeiführen, für den Augenblik der Vergeſſenheit zu übergeben. Ein Bücherſchrank von fein polirtem Holze zieht ſich an der Wand hin. Die Fächer dieſes ausgezeichneten Möbels enthalten eine Maſſe koketter, duftender Büchſen und kleiner Phio len in verſchiedenen Farben. Das Aeußere beider iſt anlokend, denn ſte ver ſchaffen dem Zahnarzt den größten Theil ſeines Einkommens.

Stets bleibt er gleichgiltig, ob er den Mund der Beſuchenden beraubt oder bereichert, ob er Zähne auszieht oder einſezt; beim Scheiden drükt er mit Anmuth und Sicherheit einen auf Roſapapier gedrukten Bericht ſeiner Kunſt, worin eine VBüchſe oder eine Phiole gewikelt iſt, mit Gewandtheit Euch in die Hand, ſo daß Niemand es vermag, die Waare zurükzuweiſen. Dies iſt nämlich eine Abgabe, die er von der Eigenliebe oder Koketterie der Beſuchenden zu erheben gewohnt iſt.