41¹
laſſen die heil. Schrift und die Legende den Heiligen ſtets erſcheinen, immer als den frommen Dulder, als gehorſamen„Vollzieher des göttlichen Willens voll Hingebung und Demuth. Nach dem äußeren Typus, der ſich über ihn gebildet, erſcheint er gewöhnlich in Kunſtwerken als ältlicher Mann, meiſt ſtehend, das Jeſuskind auf den Armen, die Lilie in Händen tragend, als Ab— zeichen ſeiner Sittenreinigkeit, als Merkmal ſeiner Bevorzugung. Dieſes war im Allgemeinen die Aufgabe, welche Prof. Kupelwieſer auf ſo großem Raume aus zuführen hatte. Er hat ſie gelöſt, er hat ſie genügend und vollkom— men gelöſt, durch eine höchſt poetiſche und bedeutungsvolle Erfindung, durch Zuhilfenahme der religiöſen Symbolik, durch Einwebung einer paſſenden Handlung, endlich durch eine tüchtige, würdige, großartige Auffaſſung und Darſtellung des Gegenſtandes. Er hat in einem hohen Grade bewieſen, wie mächtig er ſeines Stoffes geweſen, und es verſtanden habe, die der chriſtlichen Lehre inneliegende hohe Poeſie aufzufaſſen, und als einen reichen Schaz in ſeinem Werke niederzulegen.
Das Bild beſteht aus zwei Abtheilungen, aus dem alten und neuen Bunde. Inmitten das oberen Theiles des Bildes ſteht in himmliſcher Glorie der Heilige auf dem Regenbogen, dem Sinnbilde überirdiſcher Verklärung, auf den Armen das göttliche Kindlein tragend; demuthsvoll ſenkt er ſeine Au— gen ob der Verherrlichung, und neigt das Haupt liebreich zum Kinde, das er im Leben geſchüzt, genährt und geliebt; aber in dem geneigten Haupte, auf den geſenkten Augenlieden iſt eine Frömmigkeit, eine moraliſche Kraft ausge⸗ goſſen, wie ſie nur die höchſte geiſtige Konzeption hervorzubringen im Stande iſt. Kindlich umfaßt das Kindlein den Hals des Heiligen, gleichſam als ſollte Chriſtus dort am liebſten weilen, wo die Demuth am meiſten im Herzen wal— tet. Den Heiligen umgeben, und zwar zur Rechten der Erzengel Raphael mit dem Wanderſtabe, und Michael, bewaffnet mit Panzer und Schwert und Schild z auf der linken Seite der Erzengel Gabriel, der ihm die Lilie darreicht, das Zeichen makelloſer Reinigkeit und Frömmigkeit in ſeinem Stande, welchen ein Engelein durch Winkelmaß, Zirkel und Axt in Händen bezeichnet. Ueber ihnen ſchweben im himmliſchen Scheine die Chöre der Engel, lobſingend und prei— ſend, mit der Krone des ewigen Lebens über dem Haupte des Heiligen. Es iſt wohl der Gedanke einer der herzerhebendſten des chriſtlichen Glaubens: er geleite den Menſchen von ſeiner Geburt, von ſeinem Antritte der irdiſchen Pilgerreiſe an, der Engel des Herrn, führe ihn ſchüzend und lehrend auf ſei— ner Bahn, daß er nicht abirre vom Pfad des Heiles, nicht gerathe in die Abgründe der Bosheit, in den Pfuhl ſündlicher Unfläthigkeit— und dieſer Geleitsmann iſt der Erzengel Raphael. Nicht weniger ſchön iſt der Gedanke: es kämpfe der Menſch nicht verlaſſen, nicht troſtlos mit dem Urfeinde, ſondern es ſtehe ihm ein rüſtiger Kämpe zur Seite, der ihn ſchirme mit dem Schilde des Glaubens, und den Feind ſchlage mit dem ſtarken Schwerte des göttlichen Willens— und dieſer nie bezwungene, immer ſiegreiche treue Hort„Einer wie Gott“ iſt der Erzengel Michael. Und wenn der Menſch gewandelt die Pfade des Herrn, gekämpfet den Kampf des Glaubens, reiche ihm der Him— melskote, der Verkünder des Heils, Gabriel, die Lilie der Unſchuld und Frömmigkeit, mit der Palme dee Sieges, während die himmliſchen Heer—


