Jahrgang 
Band 1 (1837)
Seite
394
 
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Es war im Monat Juli, im Jahr der Gnade 1791, das Wetter war herrlich, und zwölf Uhr war vorüber. Die Richter hatten ſich in Zeremonie auf das Tribunal begeben, begleitet von dem Großſheriff mit ſeinem weißen Stabe in der Hand, dem Unterſheriff mit ſeiner Peitſche, den Conſtables zu Pferd, die Hellebarde mit Spießen und die Schärpe über die Schulter; end lich mit den Zeugen, die ſich mit mehr oder minder großen Stöken verſehen hatten, drohend genug für die Köpfe, auf die ſie fallen konnten. Die beiden zerſprungenen Trompeten der Volontairs zu Pferd gaben mißſtimmige Fanfaren von ſich, und mit nicht minder mißſtimmigem Geſchrei begrüßte der Pöbel im Vorbeipaſſiren die Richter und Squire Flaherty, den Sheriff, deſſen edle und

ausgezeichnete Geſtalt die ganze Umgegend bewunderte.

Während auf dem Tribunale der Streit über- Leben und Tod geführt ward, und die Chikane, die Spizbüberei, der Meineid und falſches Zeugniß die Waffen waren, die von den gegenſeitigen Parteien angewendet wurden, be gannen die Schenken die Erſtlinge der Unmäßigkeit einzuernten.

Der Wirth zumWappen von Flaherty war vielleicht in dieſem Au⸗ genblike der beſchäftigſte Menſch der Stadt. Sein Haus war voll Fremder, und er ſtrengte ſich mit dem wachſamen Auge eines Gebieters an, mitten in der Unordnung und dem Wirrwar, welcher daſelbſt herrſchte, das Anſehen von Ordnung zu erhalten, als eben ein heftiger Glokenzug an der äußern Thüre der Herberge ſein Ohr traf. Ein zweiter Zug folgte ſchnell dem erſten, und wurde das Signal zu einem Schwarm von irländiſchen Schimpfworten, mit welchen der ſtrenge Hausherr Mulligan all ſein Geſtabe, männliches und weib⸗ liches, jung und alt, überhäufte.

Wo ſeid iht, verwünſchte Kezer? Macht doch, und empfangt den neuen Gaſt, ihr Lumpengeſindel! Der Stallknecht ſoll nicht vergeſſen, ihm ſein

Pferd abzureiben, und du, Betſy, einfältiges Ding, mache dieſem geehrten Herrn ein Glas Grog zurecht und verneige dich ſchöaſtens vor ihm. Tauſend Donnerwetter, macht, daß es vorangeht; Kellner, Stallknechte, Köchinen, ich geb' es euch allen auf, wie ihr da ſeid; es iſt ein Höllenleben mit euch!

Die zornige Stimme des Wirths Mulligan brummte noch, als der edle Fremde in das getäfelte und mit Sand beſtreute Sprachzimmer der Herberge trat, wo er einige Minuten allein bleiben mußte, bis ſich der Zorn des Wirths ein wenig gelegt hatte. Endlich trat Lezterer, immer noch keuchend, über die Schwelle der Thüre, ſtotterte einige Worte der Entſchuldigung, und erbat ſich reſpektvoll die Befehle des neuangekommenen Gaſtes.

Es war dies ein Mann von gutem Ausſehen, ungefähr dreißig Jahre alt, groß und ſchön gewachſen. Seine ledernen Beinkleider reichten ihm bis an die Waden, wo ſie mit gut gewichsten Kappenſtiefeln verbunden waren. Eine Weſte von rothem Kaſimir, mit großen Umſchlägen, ein blaues Kleid mit gelben Knöpfen, eine breite Halsbinde von Mouſſelin, und ein ſehr feines Hemd mit Jabot und Manſchetten, machten ſeine halb bürgerliche, halb militäaͤriſche Kleibung aus. Die Sauberkeit und die Reinlichkeit des Anzuges deuteten deutlich darauf hin, daß der Fremde an dieſem Tage noch keinen weiten Weg gemacht hatte. Seine Haare waren zwar, um die Wahrheit zu ſagen, ein we nig verwirrt, und ſein Oberkletd war weiß vom Puder; aber dieſe leichte Un⸗ ordnung gab dem graziöſen Negligé ſeiner Toilette nur einen Reiz mehr.