388—
Annonce ausgerufen wurde:„Heute gibt das Spinett des Teufels eine außer⸗ ordentliche Vorſtellung,“ erſchien plözlich ein Militärpoſten in der modiſchen Bude, verhaftete den Eigenthümer mit ſeinem Spinett, und in fünf Viertel⸗ ſtunden wurden beide dem König und der Königin in Verſallles vorgeſtellt.
Als der Eigenthümer ſich im Angeſichte ſeiner Majeſtät befand, zitterte er an allen Gliedern; er konnte ſich nicht beruhigen, ob auch Ludwig XIV. ihm heiter ſagte, als Hexenmeiſter müſſe er mehr Muth beſizen. Jener wollte ſprechen, allein ſeine Worte blieben an den Lippen kleben. Der König ſah ſich alſo genöthigt, direkt an das Spinett mit den Worten ſich zu wenden: „Spinett, ſpiele eine kleine Arie.“ Das Spinett gehorchte.
Groß war der Schreken der Königin, die einer Ohnmacht nahe war. Ludwig XIV. beruhigte ſie und unterſuchte aufmerkſam das Aeußere des In—⸗ ſtruments, als er plözlich eine laut kreiſchende Stimme im Innern vernahm. Schneller wie der Gedanke ſtürzte der Eigenthümer auf das Spinett und drükte an einer Feder; das Spinett öffnete ſich und heraus trat ein runder, zwei Fuß hoher Knabe, deſſen Geſicht in alle Facben ſpielte, und der den König noch mit der Phraſe begrüßte:„Wie unvernünftig, mich dort ſo lange ſizen zu laſſen. Ich glaubte erſtiken zu müſſen.“
Ludwig XIV. lachte, hielt die Teufelei für ſehr unſchuldig, und ver— ſprach, das Geheimniß zu verſchweigen, hielt aber nicht Wort. Jenes wurde bald bekannt, der vermeintliche Hexenmeiſter war dem Hungertode nahe, und mußte einen andern Plan entwerfen. Er beſchloß, aus ſich ſelbſt, ſeiner Frau und ſeinen drei Kindern eine Schauſpielergeſellſchaft zu bilden, ſchrieb zwei Stüke für fünf Perſonen, und hatte mit dieſem Repertoir 20 Jahre lang gro— ßen Erfolg. Mit der Zeit vergrößerte ſich die Geſellſchaft und wurde eine der beſten für Provinzialſtädte. Unter ihr befand ſich ein Komiker von ausgezeich— neter Laune und unerſchöpflicher Heiterkeit, der in gutes und ſchlimmes Schik— ſal ſtets mit derſelben Heiterkeit ſich fügte. Bald ſpielte er auf einem großen Theater, bald wieder in einer Scheune, denn er behauptete, man dürfe nicht zu viele Umſtände in der Wahl der Bühne machen, wean man in dem Kaſten eines Spinetts zum erſten Mal vor dem Publikum aufgetreten ſei. Im Jahre 1700 war dieſer Schauſpieler ein Künſtler, welcher dem Theatre frangais zum Ruhme gereichte, und nannte ſich Naiſon der Jüngere.
Unheilbare Krankheit.
Eines Tages trat ein Menſch in das Zimmer eines der erſten Aerzte von Paris und bat ihn um die Hilfe ſeiner Kunſt gegen ein Uebel, daß ſich nicht ausrotten laſſe.— Der Arzt fragte ihn über bie Natur ſeiner Schmer- zen, und der Unbekannte antwortete, ſeine Krankheit wäre eine tiefe Melan— cholie, die ihm das Leben unerträglich mache.—„Ah, dann müſſen Sie gu⸗ ten Wein trinken,“ meinte der Arzt.—„Ich hab' die allerbeſten Weine in meinem Keller,“ antwortete der Unbekannte,„ſie helfen mir nichts gegen meinen Spleen!“—„Verſuchen Sie es einmal mit Reiſen!““—„Ich habe ganz Europa durchreiſt, und der Gram hat mich nicht verlaſſen!“—„Nicht möglich! Das iſt etwas ſtark! doch gibt es noch ein Mittel; gehen Sie jeden
9


