Jahrgang 
Band 1 (1837)
Seite
386
 
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Im nächſten Zimmer klirrten Sporen. Wera blikte auf. Die Thür öff⸗ nete ſich mit Geräuſch und herein trat der Huſaren⸗Offizier. Wera ſchrie laut auf und verbarg ihr Geſicht an der Bruſt des Knaben. Schelkoff erhob ſich, ſah den Offizier an und trat, ſich das Geſicht mit den Händen bedekend, einige Schritte zurük. Das unerwartete Erſcheinen ſeines früheren Nebenbuhlers in dieſem Augenblik, wo er Trauer und Elend über die unglükliche Wera ge⸗ bracht hatte, erſchien ihm als eine Strafe des Himmels. Sein Gewiſſen erwachte und machte ſein Herz beben; indeſſen faßte er ſich bald, ſchritt vor⸗ wärts und ſagte:

Sei du ihr Beſchüzer!

Die Scham und ein Gefühl von Selbſt⸗Erniedrigung drükten ihn ganz⸗ lich darnieder. Alles Blut drängte ſich zum Kopf. Er konnte nicht weiter ſprechen.

Ich danke dir für die Erlaubniß! antwortete der Offizier, indem er ſich gegen Wera verneigte.Und hier iſt meine erſte Dienſtleiſtung. Bei die ſen Worten zog er ein Taſchenbuch heraus, reichte es ſeinem Freunde und ſagte: Nimm es, Michaila Alexandrowitſch! Es iſt dein Eigenthum, das ich Näu⸗ bern wieder entriſſen habe. b

Schelkoff öffnete das Taſchenbuch, blikte hinein, warf es zur Erde und rief, die Hande zuſammenſchlagend, aus:Guter Gott, das iſt mein ganzer Verluſt! Was ſoll das bedeuten?

Das ſoll bedeuten, daß man falſch mit dir geſpielt und daß ich den nichtswürdigen Spizbuben dein Geld wieder abnahm, um es dir, wie es ſich gebührt, einzuhändigen. N

Schelkoff warf ſich an des Huſaren Bruſt und drükte ihn mit dem Wor ten an's Herz:O du mein Freund, mein Wohlthäter! Endlich wendete er ſich zu ſeiner Gattin:

Du wirſt nicht allein in der Welt ſtehen und mein Sohn wird keine Waiſe bleiben. Hier iſt dein Beſchüzer! Nun ſterbe ich ruhig. Lebe wohl auf ewig, o du mein wahrer Freund! fägte er hinzu, den Offizier abermals an ſein Herz ſchließend. a 1

Alſchied von dir nehmen muß ich, Michalla Alexandrowitſch, weil mich meine Pflicht ſogleich in die Stadt zu meinem Kommando ruft, aber auf ewig nehme ich nicht Abſchied. Ich weiß Alles und ſehe, daß du deine Frau tüch⸗ tig erſchrekt haſt. Beruhigen Sie ſich, gnädige Frau! Ihr Mann glaubt, er habe Gift genommen, er nahm aber Magneſia.

Wera konnte ihre Blike nicht von dem Huſaren abwenden, und zwiſchen

Furcht und Hoffnung ſchwankend, keine Sylbe hervorbringen. Ihr Herz klopfte in lauten Schlägen.

Was ſprichſt du? ſagte Schelkoff mit bebender Stimme.

Die reine Wahrheit, erwiderte lächelnd ſein Freund.Der brave Apotheker, dich in ſo geſpanntem Zuſtande und faſt beſinrungslos vor ſich ſe hend, errieth deine Abſicht und befürchtend, daß, wenn er dir das verlangte Gift verweigerte, du dir auf eine andere Weiſe das Leben nehmen könnteſt, gab dir Magneſia, die du der Farbe nach von Arſenik nicht unterſcheiden konn teſt. Daß du ſie verſchlukteſt, war dir, liebſter Freund, ſehr heilſam. Sie beruhigte deine Nerven. Doch möge die Erinnerung an dieſen Vorfall dich