Jahrgang 
Band 1 (1837)
Seite
365
 
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der Elebenden an u. erfindet ein eben nicht feines Hiſtörchen, daß Lulſe gar nicht Funks Tochter, ſondern mit ih⸗ rer Milchſchweſter, dem Kammermädchen

Sophie, in ihrer Jugend vertauſcht

worden ſei; die Stimme der Natur ſchweigt, Funk glaubt es, Madame auch und Brands Herz wendet ſich nun von Louiſe zu Sophie; die Dazwi ſchenkunft der Amme, die Till des Tauſches angeklagt, zerhaut eben im rechten Augenblik den Knoten und wie Wangen Louiſe als ſeine Braut um armt, hat das Stük ſein Ende. Raupach hat dieſes Produkt Luſtſpiel genannt; beſſer wäre geweſen: Int r i⸗ guenſtük, wie ich überhaupt den ſogenannten Luſtſpieldichtern Deutſch⸗ lands anrathen würde, ihre Geiſtes kinder nach den Unterabtheilungen des Luſtſpiels: Intriguen⸗, Charakter⸗ oder Situationsſtük, und nur dann Luſtſpiel im engeren Sinne zu nennen, wenn der Zufall, als Schikſal des Luſt⸗ ſpiels, den Meiſter des Lebens macht, und die Menſchen unverhofft dahin führt, wohin ſie durch ihre Ankäm⸗ pfungen vergebens zu gelangen ſtreben. In dieſem Sinne iſt das in Rede ſte⸗ hende Produkt ein Intriguenſtük, denn nicht der Zufall, ſondern Till, der als leibhaftige Lebens-Ironie, als verkör perter Zufall an, freilich den Andern unſichtbaren Fäden die Handlung lei tet, erſcheint nur den Mitwirkenden als Element des Luſtſpiels, während er dem Zuſchauer nichts anders als eben auch Mitwirkender iſt. Von tiefer Cha rakteriſtik iſt keine Rede; Brand iſt der gewöhnliche berechnende Alte, Wan gen der gewöhnliche aufflammende Lieb haber, Funk der gewöhnliche Pantof⸗ felheld, Madame die oft dageweſene böſe Sieben und Till, der an die deutſche Spree verſezte ſpaniſche Gra cioſo, iſt hier nicht mehr der ſronie reiche, Satpre ſprudelnde Mephiſto des

Luſtſpiels, iſt nur noch Tills Schat⸗ ten. Dennoch wird das Stük, abgerech⸗ net einige Längen im erſten Akt, die noch an der Unwahrſcheinlichkeit, daß Louiſe das Verhältniß ihrer Eltern nicht kennt, laboriren, durch ſeinen oft treffend wizigen Dialog anſprechen. Die Darſtellung war, wenn ich den gehörigen Maßſtab anlege, recht gerun det zu nennen. Den erſten Plaz ver dient unbezweifelt Dem. Müller, die eben ſo in den höchſten Kreiſen, wie in denen des gewöhnlichen Theaterpu blikums Verehrer ihrer Kunſt findet;

die nie kömmt, ohne empfangen, u. nie

geht, ohne zurükgerufen zu werden, für die der Enthuſiasmus ſo weit geht, daß ihr die Konditoren ein Denkmal ſez⸗ ten, in dem ſie das Werk ihrer Hände mit dem Namen der Gefeierten zieren. Der ziemlich ſtiefväterlich behandelte Charakter der Louiſe wurde von ihr in geiſtreichen Nüancen aufgefaßt und mit gleicher und edler Haltung wie dergegeben; und wie bononiſche Steine in die Sonne gelegt, im Dunkeln eine Weile glänzen, ſcheinen die übrigen Mitwirkenden nur den Glanz zurük zu werfen, der von Dem. Müller auf ſie fällt. So gefiel Hr. Juſt(Brand), wiewohl nicht frei von Manier u. Hr. Nözl(Funk), gleich thätig, als Di rektor, denn als Schauſpieler e. 2

Am 5. d. M. ſpielte Hr. Eduard Pique aus Prag, zwiſchen dem 2. und 3. Akte des Luſtſpiels:Welcher iſt der Bräutigam, ein Konzertſtük für die Guitarre, eigener Kompoſition, und obwohl die Produktion einer ein⸗ zigen Piece kein beſtimmtes Urtheil über muſikaliſche Vielſeitigkeit fällen läßt, ſo bewies er doch eine ſolche Kunſtfertigkeit, ſolche Sicherheit, Prä ziſton und ſolch einen reinen Anſchlag, daß ſich ſeine vollkommene Herrſchaft über dies ſonſt ſo undankbare Inſtru⸗