Jahrgang 
Band 1 (1837)
Seite
356
 
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Drei bequeme Zimmer für Wirth und Wirthin waren ganz artig eingerichtet. Solchergeſtalt hielt die eine Hälfte des Hauſes ſo ziemlich zuſammen, dagegen ſenkte ſich die andere Hälfte immer mehr, ſo daß das Dach in der Mitte wie gebrochen war und einem zweihökrigen Kameele glich. In dem unbewohnten Theile waren die Fenſter mit Brettern verſchlagen und mit Baſtmatten ver hängt; er diente der Wirthin zum Vorraths-Magazin und zur Rumpelkammer. Im ehemaligen Kabinet des Kreismarſchalls hauſten Gänſe und Puten; im Kin⸗ derzimmer wurden Kälber gefüttert; der Tanzſaal war eine Holzkammer; im Boudoir der verſtorbenen Marſchallin ſtanden milchende Kühe, und im Gar derobezimmer wurden Gemüſe aller Art aufbewahrt. Mit Recht behaupten die Philoſophen, daß nicht der Ort dem Menſchen Würde verleihe, ſondern der Menſch dem Orte. Durch ihre Liebenswürdigkeit, Behendigkeit und verſtändige Um gangsweiſe ſowohl, als durch ihre guten Beafſteaks und ſtarken Getränke, machte die Wirthin ihr Gaſthaus in den drei benachbarten Gouvernements auf das vortheilhafteſte bekannt, erwarb ſich unter den Gutsbeſizern eine Menge Freun de, und unter deren Frauen eine Menge Feindinen, hatte ſich bereits ein ar tiges Kapitälchen bei Seite gelegt, mit dem ſie nach Moskau zurükkehren oder nach Petersburg zu ziehen beabſichtigte. Es hielt ſie nur ein wichtiger Um⸗ ſtand zurük und namentlich die Abrechnung mit den in ihrem Schuldbuch ver zeichneten Gutsbeſizern, die immer verſprachen, nach der Ernte ihre Schuld mit Korn zu bezahlen, aber ſich jedesmal mit Mißwachs oder niedrigen Prei ſen zu entſchuldigen wußten und nicht bezahlten.

(Fortſezung folgt.)

Der Maskenball in Berlin.

Ich hatte einen Ausflug nach Verlin gemacht, und ließ mir die Gele genheit nicht entgehen einen dortigen großen Maskenball zu beſuchen. Das Gedränge war ungeheuer. Die Völker alle hatten zwar Deputirte abgeſchikt, aber ſie waren taubſtumm. Die Polen und Nuſſen, die Portugieſen und Spa nier, die Türken und die Wilden, ſie waren ſtumm, wie Pythagoras Schüler und die Stumme von Portici. Nicht ein Einziger ſprach, wie ihm der Schna⸗ bel gewachſen war. Ließ es ſich ein Pole einfallen zu nieſen, ſo war kein Ein ziger ſo galant, Proſit zu rufen. Trat ein Franzoſe einem Ruſſen im Tanze auf die Hühneraugen, ſo exkuſirte ſich weder jener noch ſkandaliſirte dieſer. Die politiſchen Engländer kredenzten Wein, die Holländer ſahen den Franzo ſen nach und tanzten Frangaiſe.

Auch mir fiel eine Franzöſin in die Augen und traf mein Herz, umſonſt entfaltete ich meinen philologiſchen Reichthum, ſprach mit ihr in allen mir zu Gebote ſtehenden verſtändlichen und unverſtändlichen Sprachen, doch ſie blieb ſtumm, ihr Mund verſchloſſen, wie der Geldkaſten eines reichen Vanquiers, wie ein altes Schloß, in dem die Geiſter ſpuken. Ihre Tallle war dünner als mein Hals, die feinſten Glacehandſchuhe bedekten den himmliſchen Arm und die ſchönſten Hände. Zehn Thaler hätte ich gegeben, wenn dieſe Hand mich georhrfeigt hätte! Ach dieſer Arm war für die Welt, von welcher Madame Karoline Pichler ſagt, daß ſie nicht die Beſte ſei, zu fchön!