Jahrgang 
Band 1 (1837)
Seite
355
 
Einzelbild herunterladen

355

Stadt bin, um theilwelſe zum undurchdringlichen Koth n den un gepflaſterten Straßen zu werden. Junge Stuzer zu Fuß ſah man in ſteter Bewegung um die, wit verheiratheten Damen und jungen Mädchen überfüllten Wagen, wo es nöthig war, zu entladen und mit ihnen franzöſiſche Redensarten zu wech⸗ ſeln. Mitten auf dem Plaz, auf einer von Auskehricht gebildeten Erhöhung, ſtand ein alter Mann, der Horodnitsch(Stadtvoigt), geſchmükt mit einer neuen Uniform und ſtattlichem Hute, und warf wahre Jupitersblike um ſich her, die alle Spizbuben in Schreken ſezten und alle Trunkenen in Gleichgewicht erhielten. Zu den Füßen der Erhöhung befanden ſich zwei verabſchiedete Un teroffiziere in grauen Mänteln, mit leichten Tuchmüzen auf den Köpfen und Stöken in den Händen.

Der Tag ging glüklich zu Ende. In dem Zimmer, wo man des Nachts, bis zum morgenden Urtheilsſpruch, Trunkene und Lärmenmacher aufbewahrte, waren nur noch zwei Pläze auf der Pritſche leer geblieben. Der vortreffliche Arzt Karl Carlowitſch war nur vier Mal zur Polizei eingeladen worden, um Verwundungen und Hiebe zu atteſtiren, und wegen Verlezungen des Eigen⸗ thums hatte man nur acht Klagen eingereicht. Der Lärm auf den Straßen legte ſich; die Trinkhäuſer wurden geſchloſſen und der würdige Hocodnitſch zog ſeinen Schlafrok an. In den, von Gutsbeſizern mit ihren Familien bewohn⸗ ten Häuſern ſah man ſchon halb abgebrannte Lichter auf den Kartentifchen, an welchen der Wirth und ſeine Freunde, müde von ihren Geſprächen über Landwirthſchaft, Jagd, Prozeſſen und Nachbarn, ermüdet von Klatſchereien und Verleumdungen, Whiſt und Boſton ſpielten. In einigen Häuſern ſchlie fen die jungen Mädchen ſchon, und in andern plauderten ſie mit einander, oder unterhielten ſich mit ihren jungen Freunden über ſentimentale Gegenſtände.

In der deutſchen Gaſtſtube aber ging es luſtig und geräuſchvoll her. Sie befand ſich am Plaz in einem großen hölzernen Hauſe, erbaut vor vier zig Jahren von einem adellgen Bezirks-⸗Vorgeſezten(Kreismarſchall), der ſeine eigene Haus-Kapelle hatte, Bälle und Mittagstafeln gab und dabei endlich zu Grunde ging. Sein Beſizthum ward öffentlich verſteigert und das Haus ein Eigenthum der Stadt, die es, als ſie einſt militäriſche Einquartirung erhielt, zum Militär-Soſpital benuzte. Nachdem die Soldaten abmarſchirt waren, blieb das Haus zehn Jahr lang unbewohnt, und verfiel aus Mangel aller Re⸗ paratur. Zu dieſer Zeit überredete ein junger Gutsbeſizer, der in Moskau mit dem obenerwähnten bankerottirten Schuſter in einem Hauſe wohnte, den lezteren, ſeine Kreisſtadt durch Anlegung eines Gaſthauſes zu beleben, indem er ihm zu einer für das allgemeine Beſte ſo wohlthätigen Uuternehwung allen Veiſtand von Seiten ſeiner Bekannten verſprach. Der Schuſter wollte nicht, aber ſeine Frau, eine junge, hübſche und lebhafte Deutſche, überredete ihn, und in Folge deſſen kamen ſie in die Stadt und mietheten das ehemalige Hoſpital mit der Verpflichtung, die eine Hälfte des Hauſes auszubeſſern, und die andere von außen in anſtändiger Verfaſſung zu erhalten. Die jungen Guts beſizer verſahen die Gaſtwirthin mit Baumaterial und Arbeitsleuten, und die eine Hälfte des Hauſes ward recht hübſch ausgebaut. Wrnigſtens lief der Re gen, wenn er auch durch das Dach und die Zimmerdeken tröpfelte, nicht ſtrom weiſe auf die Dielen hinunter, und der Wind, wenn er auch an einigen Orten durchdrang, löſchte wenigſtens nicht mehr die Lichter in den Gaſtzimmera aus.