Jahrgang 
Band 1 (1837)
Seite
354
 
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Keller mit ausländiſchen ln Moskau und Petersburg getauften Weinen; eln deutſches Wirthshaus, unterhalten von einem in Moskau Vankerott geworde⸗ nen deutſchen Schuſter, unb einVerkauf von Spielkarten und man wird eingeſtehen müſſen, daß man in dieſem Städtchen ruhig und angenehm leben, ſein Vermögen verzehren, verſchwenden und verprozeſſiren, und mit Hilfe des würdigen Karl Carlowitſch und ſeines Freundes, des Apothekers, nach allen Regeln der Heilkunde ſterben konnte. Man glaube aber ja nicht, daß es in dieſem angenehmen Städtchen an geiſtigen Genüſſen gänzlich feble. Ein Mos kau'ſcher Buchhändler, Herr Loginoff, ſendet zwei Mal im Jahr einige Körbe voll Bücher und illuminirter Kupferſtiche oder Steindruke mit franzöſiſchen Unterſchriften aus Moskau'ſcher Fabrik dahin, und der Bürgermeiſter, der ſich mit Lieferungen an die Regierung abgibt, wenn ſte nicht über 10,000 Ru bel betragen, läßt ſich die Moskauer Zeitungen kommen, die, nachdem ſie im Laufe der Woche von allen beleſenen Freunden durchſtudirt wurden, wie Kuchen Enveloppen in die Hände des Beſizers zurükkehren.

Es war gerade Jahrmarkt. Ausgelegt ſah man in den bretternen Buden elne Menge von Erzeugniſſen Moskauſchen Gewerbfleißes; Meſſer, die an har ter Brodrinde zerbrachen, Schlöſſer mit eiſernen Springfedern, Bronzewaa ren, die durch Berührung der Hand flekig wurden, baumwollene Gewebe und Tücher, die beſſer abfärbten, als ſie gefärbt waren, unebnes und ſchiefes Glas- und Fayence-Geräth, und eine Maſſe von allen Waaren-Gattungen aus den verſtekteſten Buden des Moskauer Trödel-Marktes. In den Häuſern ver kaufte man ausgeſchoſſenes und von Motten heimgeſuchtes Tuch, aus der Mode gekommene Seidenwaaren und gedrukte Kattune, gefärbtes Pelzwerk, und, zur großen Freude des ſchönen Geſchlechts, Damenpuz Hüte und Hauben, Pelle rinen, Bänder, Schleier und fertige ſowohl als zugeſchnittene Kleider, die, ohne die wohlthätige Einrichtung mit den Jahrmärkten, in den Moskau'ſchen Magazinen hätten vermodern müſſen. Man konnte ſich in den Buden auf ein ganzes Jahr mit naßgewordenem und wieder getroknetem Zuker verſehen, mit Thee aus den urſprünglichen großen Kiſten in kleine bunte Kiſtchen mit chine ſiſchen Figuren übergeſchüttet, mit verbranntem Kaffe, mit verſchimmelten Ro ſinen und Feigen, mit verwittertem Pfeffer und ausgetrokneten Lorbeerblät tern und Mandeln. Auf dem öffentlichen Plaze fand man eine Menge lahmer und verwachſener Pferde mit falſchen Zähnen. Es gab freilich auch genug gute Waaren aller Art für Kenner, denen es nicht um wohlfeile Preiſe zu thun war; da nun aber einmal Ausnahmen von der Regel nicht als allgemeiner Maßſtab angenommen werden können, ſo übergehen wir die Seltenheiten mit Stillſchweigen.

Faſt alle Gutsbeſizer der Umgegend hatten ſich in der Stadt eingefun den; die Verheiratheten mit ihren Familien, die Unverheirathen mit ihren Stuben-Hunden, und einige von ihnen mit ihren jungen Haushälterinen. Der Morgen war den Geſchäften gewidmet, das heißt, man beſuchte Magazine und Buden. Schwere Equipagen verſperrten die Straßen, und auf dem freien Plaze, wo ſich der Pöbel durcheinander drängte, unterdrükte das Geſchrei der Kutſcher und das Gekreiſch der Vorreiter das laute Anpreiſen ihrer Waaren von Seiten der Verkäufer und das dumpfe Gemurmel der umherwandelnden Neugierigen und Käufer. In diken Wolken wälzte ſich der Staub über die