Jahrgang 
Band 1 (1837)
Seite
338
 
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338 führen, über welcher eine transparente, von hinten beleuchtete Zahl, Nr. 36, dem Vorübergehenden ſchon von ferne entgegenſchimmerte. Jezt hatte ich mich eutſchloſſen. Ich ſchlüpfte durch den engen Flur, ſtieg die helle Treppe hinan, gab in einem Vorzimmer meinen Hut ab, und trat in einen großen hell er leuchteten Saal.

In dem Saal ſtand ein langer, grüner Tiſch, welcher in der Mitte zu einem runden Keſſel ausgehöhlt war, in dem eine meſſingene Scheibe und ein weißes Marmorkügelchen in entgegengeſezten Richtungen rund herumliefen. Zu beiden Seiten des Keſſels war der Tiſch in verſchiedene Felder abgetheilt, auf welchem Gold- und Silberhau fen lagen. Rings um den Tiſch war alles gedrängt voll Männer, aber eine tiefe Stille herrſchte über der Menge und man hörte nichts, als das Umlaufen der Scheibe und das Klappern des häpfen den Kügelchens. Blos wenn jene ſtill ſtand, und dieſes in eines der mit Num⸗ mern bezeichneten Fächer gefallen war, und dann die Männer bei der Scheibe, welche große Haufen Gold und Silber vor ſich liegen hatten, gleichgiltig mit kleinen Rechen das Geld, das auf dem Teppich lag, vor ſich hin ſcharrten, oder mit mechaniſcher Fertigkeit dem Einen oder dem Andern der Umſtehenden eine gewonnene Summe auszahlten, da erleichterte die ſchauende Menge ihre Bruſt mit einem halb unterdrükten, halb freudigen, halb ſchmerzlichen Seufzen.

Die Roulette ſezte ſich wieder in Bewegung; faites votre jeu, Messeurs! Die Zuſchauer warfen ihr Geld auf die verſchiedenen Felder des Tiſches. Rien ne va plus! rief der Bankier. Das Loos hat entſchieden. Die Crouplers zo gen mit gleichgiltigen Mienen ein und zahlten aus.

Ich kaufte mir für einige Fünffrankenſtüke Spielmarken, um mir dadurch das Recht zu erwerben, an dem Roulettentiſche zu ſizen, und die Spieler zu beobachten. Melſtens hagere, gelbe, häßliche Geſichter ſchauten ſtarr und un verwandt auf das Glüksrad und verſchlangen mit den Augen die Summen, welche der Bankier vor ſich liegen hatte. Hie und da zog einer ein Fünffran kenſtük oder eine Spielmarke aus der Taſche und warf den Einſaz zögernd auf den Tiſch; gewann oder verlor er, ſo verzog ſich ſein Geſicht zu einer häß lichen Fraze.

Nicht weit von mir ſaß ein alter, kahler Mann mit einer Brille, wel cher kaum das Spiel mit einem Blike zu beachten ſchien. Er ſah vor ſich hin auf ein Blatt Papier, ſchrieb viel Zahlen und rechnete eifrig. Hatte er dies ungefähr eine halbe Stunde lang fortgetrieben, ſo legte er ruhig ein Häuf chen Banknoten und Gold zurecht, und ſchob daſſelbe zuverſichtig vor ſich auf Roth oder Schwarz, auf pair oder impair; die Kugel fiel, er gewann und der alte Mann, ohne mit ſeinen grauen Augen zu blinzeln, ſtrich die Paar tauſend Franken ruhig ein, und begann mit friſchem Eifer ſeine Rech nungen.

Siehſt du den alten Spizbuben, wie er ſein Geld einſtreicht! Hätten wir's! flüſterte mir eine Stimme hinter mir.

So iſt leicht reich werden, nicht wahr? antwortete eine zweite Stimme.

Ich habe, begann der Erſte wieder,noch ſechs Franken vom vorigen Wochenlohn, ſoll ich ſie wagen?

Warum nicht? ſprach der Andere. Es iſt nichts leichter, als zu ge winnen, das haben wir ja eben geſehen. Ich habe auch noch vier Franken,