Jahrgang 
Band 1 (1837)
Seite
339
 
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die lege ich bei; mit dem Gewinnſte machen wir uns morgen vorzder Barriere einen luſtigen Tag.

Die zehn Franken wurden geſezt. Ruhig zog ſie der Bankier mit ſeinem Rechen ein, und die beiden, die ſich mit dem Gewinnſte einen luſtigen Tag hatten machen wollen, gingen mit leeren Taſchen fluchend davon, um am fol

genden Tage in der Werkſtätte ihres Meiſters ihr kümmerliches Mittageſſen zu verdienen.

Einige alte, hagere, dürre Geſellen, hungrig anzuſehen mit abgeſchab ten Röken, ſaßen mir gegenüber. Eifrig ſchrieben ſie die herausgekommene Nu mmer und Farbe auf das Glüksrad. Jedes Wort des Bankiers hallte in ihrem Herzen wieder. Keiner von ihnen jedoch ſezte eine Marke ins Spiel, die er hätte gewinnen oder verlieren können. Das waren die alten Spieler, welche vor Zeiten ihr Vermögen hier verloren hatten. Geld zum Spielen hat ſie nicht mehr, aber die Wuth der Leidenſchaft war in ihnen zurükgeblieben. Hatten ſie den Tag über ſich geplagt, um kümmerlich ihren Hunger zu ſtillen, ſo kamen ſie Abends hieher, ſezten ſich zu Tiſche, wurden als alte Spieler gedul det und wagten nur im Geiſte ideelle Summen, die ſie nicht beſaßen, gewannen oder verloren in der Fantaſie und nahmen mit allem Feuer der Lei den nſchaft am Spiele Antheil. Hie und da forderte einer derſelben von einem der Aufwärter ein Glas dünnes Bier, welches hier den Spielern gratis gege ben wird, und erfriſchte damit ſein verbranntes Blut. Jeden Abend waren dieſe Leute hier zu finden.

Hoffnungsvolle Söhne guter Häuſer, die früher ihrer Jugend wegen nicht zugelaſſen wurden, Ankömmlinge aus der Provinz ſtanden hinter den Si zenden und ſchauten neugierig und lüſtern über deren Köpfe dem Spiele zu. Auf ihren Geſichtern las man ihre ſtets ſteigende Luſt, am Spiele Theil zu nehmen, hervorgerufen durch die ſcheinbare Leichtigkeit des Gewinns. Zu den ſe lben geſellten ſich, als wie durch Zufall, einige alte, weißköpfige Männer mit pfiffigen Geſichtern. Sie ließen ſich mit den Neulingen in ein leiſes Ge ſpräch ein, erklärten ihnen den Gang des Spiels, theilten ihnen Wahrſchein lichkeitsberechnungen mit, und erboten ſich endlich für dieſelben zu ſezen. Die Thaler, welche dem jungen Mann ſchon lange in der Taſche brannten, und nur aus falſcher Scham noch nicht auf den Noulettentiſch gewandert waren, wur den bereitwillig dem proſesseur de jeu übergeben, der damit zu ſpielen begann. Gewann er, ſo theilte er den Gewinnſt mit ſeinem Zögling, ſpielte er unglüklich und hatte dieſer ſeinen Beutel geleert, ſo ließ er ihn ſtehen und machte ſich an einen Andern, der ſeiner Lehren zu bedürfen ſchien.

5 Jezt trat ein junger Mann in den Saal, der ſogleich meine ganze Auf merk ſamkeit feſſelte; ſchwarze Haare beſchatteten ſein ſchönes, etwas blaſſes Geſicht; ſein Schnur- und Zwikelbart, ſein ganzes Weſen verrieth den jun⸗ Künſtler. Er näherte ſich dem Tiſche und ſtellte ſich mir gegenüber; dann langte er nach ſeiner Weſtentaſche, zog ein Goldſtük hervor, ſchaute ſich die Zahlen der Roulette genau an, und ſezte endlich, wie durch plözliche Einge⸗ bung, jedoch mit etwas zitternder Hand, ſein Goldſtük auf Nr. 15.

Le jeu est ſait. Rien ne va plus!

Die kleine Kugel fiel in ihre Kapſel.