Jahrgang 
Band 1 (1837)
Seite
323
 
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ihn mit der Geſchwindigkeit des Blizes darüber wegſtrelchen ließ, überſchwemmte er die Luft mit einem Strome von Harmonie.

Paganini iſt über allen Ausdruk ausſchweifend; aber ſeine Extravaganz iſt durchaus nicht wie die der ſogenannten Künſtler von Genie gekünſtelt; ſie iſt vielmehr faſt die natürliche Folge einer heftigen Leidenſchaft bei einem ge reizten Nervenſyſtem; ſie iſt das Reſultat einſamer Arbeit und brütender Phantaſie, ſo wie einer muſikaliſchen Reizbarkeit, die alle Nerven ſeines Kör pers erbeben macht.

Indeſſen müſſen wir zugeben, daß Paganini's Ueberſpaunung zuweilen der Wirkung ſeines Talentes Eintrag thut. Er mißbraucht ſeine Fertigkeit, er wagt zu viel, er hat z. B. Unrecht, Sachen nachahmen zu wollen, die ſich in ſeiner Kunſt nicht geben laſſen, und die auch der Muſik unwürdig ſind. Eine ſeiner Lieblingsphantaſien war, die Stimmen alter Weiber nachzuah? men; ſo machte er auch den Geſang der Vögel, das Miauen der Kazen und das Geheul der Wölfe nach. Wir haben ihn Variationen über die Arieder Karneval von Venedig vortragen hören. Dieſe Variationen beſtanden aus lauter Nachahmungen des Alphorns, der Trommel, des Geklatſches der Frau Vaſen, des Kindergeſchreis und der Sprache des Polichinells.

Paganini kenn ſich nicht über Unglük beſchweren; noch nie hat ein Künſt⸗ ler ſich größere Einnahmen erworben. In weniger als einem Jahre hat er in England 20,000 Pfd. Sterling(ungefähr 200,000 fl.) gewonnen. Seine. Hälſte von der Einnahme im Theater des Königs betrug, wie man ſagt, von einem einzigen Konzert 700 Guineen, ungefähr 7000 fl. Die Violine in ſeiner Hand wurde ein größeres Mittel zum Erwerb, als ſelbſt die menſchliche Stim me. Die Catalani hatte auf dem höchſten Gipfel ihres Ruhmes niemals eine ſolche Einnahme. Paganini iſt nach Italien zurükgekehrt, wo er ſich von dem Ertrage des uns gegebenen Ohrenſchmauſes Landgüter ankaufte. Wenn er klug iſt, ſo begnügt er ſich mit dem Erworbenen; iſt er unklug oder geizig, ſo wird er wahrſcheinlich noch einmal England beſuchen; aber die Zeit bringt oft ſchrekliche Veränderungen mit ſich, und troz ſeines bewundernswerthen Talen tes könnte auch Paganini das Schikſal ſo vieler andern fremden Künſtler er fahren, die ein zweiter Beſuch Englands ſonderbar in ihren Erwartungen ge täuſcht hat.

Die von Paganini eingeführten Neuerungen wurden zur Genüge ge rühmt. Er ſpielte zuweilen auf einer Violine, auf welcher nur die vierte Saite aufgeſpannt war. Vei ſeinem Pizzicato mit den Fingern der linken Hand brachte er auf ſeinem Inſtrumente ganz die Wirkung der Guitarre her vor; außerdem rühmt man noch ſeine harmoniſchen Töne und ſein Staccato. Wir geben gerne zu, daß dieſe Neuerungen ein weiterer Beleg von dem Reichthum der Violine ſind, und eine bewundernswerthe Geſchiklichkeit beur kunden, allein ſie ſind doch mehr Kunſtſtüke als Siege.

(Beſchluß folgt.)

anz ö fine n.

Die Franzöſinen haben nach dem Geſez beſtimmte Rechte und von der Natur die Neigung, dieſelben aufrecht zu erhalten. Da ihre Unterſchrift bei