Jahrgang 
Band 1 (1837)
Seite
322
 
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ſiker geliefert. Sie hat daher immer etwas gethan, aber das Größere ſteht noch zu erwarten. Wird England unter ſeinen Virtuoſen ſolche Talente finden, wie ſie Deutſchland und beſonders Italien ſo reichlich hervorbringt? Um die Frage aufzulöſen, muß man ſich erinnern, daß in dieſen beiden Ländern die niedern Klaſſen eine muſikaliſche Erziehung erhalten: in Deutſchland in den Volksſchulen, und in Italien in den den Kirchen und Klöſtern anhängigen Schulen. In Frankreich dagegen, wo aber die Muſik keinen Theil der Na tionalerziehung ausmacht, iſt etwas in muſikaliſcher Beziehung wirklich Gutes eine ſehr große Seltenheit. Das Konſervatoire von Paris liefert geſchikte Künſtler; aber alle franzöſiſchen Muſiker reihen ſich unter die Fahnen deutſcher oder italieniſcher Celebritäten, wie Kreuzer, Spohr, Paganini. Was die Kompoſition betrifft, ſo hat Frankreich zwar eine große Anzahl angenehmer Komponiſten, aber keinen einzigen originellen.

Doch kehren wir zur Violine zurük. Paganini hat eine neue Epoche für dieſes Inſtrument herbeigeführt. Er iſt kein Künſtler, er iſt ein Zaube⸗ rer. Nie ſah man noch, bis auf einen ſolchen Grad, die Macht des Vortrags und die Kraft des Gedankens vereinigt. Kahn und zart, grandios und ſinnig, gelehrt und wild bis zur Ausſchweifung vereinigte er für Muſik einen Enthu ſiasmus und ein Genie, die aus ihm einen eminenten Menſchen auch in jeder andern Laufbahn gemacht hätten. Das Andenken an Paganini ſteht noch ſo lebhaft unter uns, man hat alle Seiten ſeines Talentes ſo vielfach beſpro chen, daß es langweilig wäre, ſie auf's Neue zu erwähnen. Jedermann ſtimmt darin überein, daß er im höchſten Grade alle die Fähigkeiten beſizt, die, un⸗ ter ſeine Vorgänger vertheilt, hingereicht hätten, Jedem einen großen Ruf zu erwerben. Alle Diejenigen, welche ihn geſehen haben und er hat ein ſolches Aufſehen in Europa erregt, daß wohl wenige Liebhaber ſich das Ver gnügen dieſes Schauſpiels verſagt haben werden Alle, die ihn geſehen ha ben, erinnern ſich wohl noch ſeiner großen Leichengeſtalt, ſeiner langen knö chernen Finger, ſeines blaſſen verlegenen Geſichtes, der wenigen, grauen, bis auf die Schultern herabfallenden Loken, und ſeines bizarren, zuweilen bittern und konvulſiviſchen, immer aber ungewöhnlichen Lächelns. Es iſt mir, als ſähe ich ihn noch ſich winden, wie er auf der, Bühne vorſchritt, und ſich mühſelig ſchleppen, als könnten ihn ſeine abgemagerten Beine kaum tragen. Als ſein großes; Auge ſchnell den Saal durchlief, hätte man glauben ſollen, einen Verbrecher zu ſehen, der eben dem Sefängniß entſprungen, ein Ge ſpenſt, das dem Grabe entſtiegen, oder einen gefährlichen Wahnſinnigen, der ſeine Eiſengitter durchbrochen hat. Als ſich jedoch der erſte Aufruhr, den ſein Erſcheinen erregte, gelegt, als das Orcheſter ſeine Partie geſpielt hatte, und nun die Reihe an das Violin-Solo kam, da wurde das Geſpenſt Paganini. Vis zu dieſem Augenblike ließ er ſeine Violine zur Seite herabhängen, er erhob ſich langſam, betrachtete ſie mit einem Blike, wie ein Vater ſein gelieb tes Kind, ein ſchrekliches Lächeln durchzukte ſein Geſicht, dann ließ er die Violine wieder ſinken und warf einen Blik auf die Geſellſchaft, die im tief ſten Stillſchweigen da ſaß, und ihrerſeits dieſe Pantomimen mit Beſtürzung und Beklemmung betrachtete. Plözlich ergriff er mit feſter Hand auf's Neue ſein Inſtrument, ſezte es an ſeinen Hals, warf einen triumphirenden Blik auf das Auditorium, ſchwang ſeinen Bogen über die Saiten, und indem er