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Es wäre vielleicht zur Geſchichte der Violine intereſſant, den gegenwär⸗ tigen Zuſtand der franzöſiſchen, deutſchen und engliſchen Schulen zu prüfen. Aber dieſes Studium würde uns zu weit führen; wir wollen daher nur ein Wort von den jezt lebenden Künſtlern ſagen, die gegenwärtig den erſten plaz ihrer Schule behaupten,
Vor allen franzöſiſchen Violinſpielern, die in den lezten Jahren Eng⸗ land beſucht haben, ſcheint de Beriot den meiſten Ruf zu haben. Aber alle Violiniſten Frankreichs, die ſeit Rode einen gewiſſen Rang eingenommen ha— ben, ſind jezt alt, und wir haben nlchts von ihren Nachfolgern gehört. De Beriot gehört hauptſächlich der Schule Rode's an, obgleich man von ihm behauptet, er prätendire Viotti zu übertreffen. Sein Styl, eher gewandt als frei, mehr verwikelt als tief, mehr flimmernd als glänzend, ſteht in ſeinem Enſemble ſehr tief unter der majeſtätiſchen Schönheit des Fürſten der Violi— niſten im lezten Jahrhundert. Wenn man uns bei dieſem Urtheile der Par- teilichteit anklagt, ſo geſtehen wir, daß wir mit Recht oder Unrecht, wegen de Beriot's Benehmen nach dem Tod ſeiner Gattin einen Groll gegen ihn hegen. Wir können nicht glauben, daß er ſich je wieder in einem Lande wird erbliken laſſen, in welchem der ärgerliche Eindruk, den er zurükgelaſſen, ihm nicht mehr erlaubt, ſich um die Volksgunſt zu bewerben. a
Spohr iſt immer der große Violiniſt der deutſchen Schule. Geboren im Jahr 1784 im Herzogthum Braunſchweig, machte er eine ſchnelle Karriere. Im einundzwanzigſten Jahre wurde er, nachdem er die Hauptſtädte Deutſchlands und Rußlands beſucht hatte, als erſter Vloliniſt und Komponiſt des Herzogs von Sachſen-Gotha angeſtellt. Im Jahr 1817 machte er eine Kunſtreiſe nach Italien, und im Jahr 1820 begab er ſich nach England, wo er in den Kon— zerten der philharmoniſchen Geſellſchaft auftrat. Spohr war den dortigen Lieb— habern ſchon durch ſeine Kompoſitionen bekannt. Sein Vortrag rechtfertigte Alles, was man von deutſcher Geduld erwarten konnte; aber man hätte etwas mehr Fantaſie und Originalitaͤt gewünſcht. Ungeachtet der merkwürdigen Rein— heit ſeines Tons, und einer ganz vollkommenen Bogenführung, erhob er ſich doch nie bis zum Brillanten. Sanfte Melodien, graziöſe Modulationen, ſehr feine Kadenzen, dies war Alles, was ſein Auditorium von ihm zu hören be— kam. Seine breite und ſchwerfällige Perſon hatte ſchon zum Voraus das Au— ditorium gegen ihn eingenommen. Alles ſchien an dieſem Tage ſchwerfällig, die Muſik, der Muſiker, und ſelbſt das Wetter. Es war eine, für die Jahrs⸗ zeit erſtikende Hize, und der Schweiß floß von der Stirne des deutſchen, über— mäßig beleibten Virtuoſen.(Fortſezung folgt.)
Indiſche Schönheiten.
Schwerlich kann es in irgend einem Lande der Welt vollkommenere Ideale weiblicher Schönbeit geben, als in Indien. Der Reiſende geräth in Erſtau— nen beim Anblik der reizenden Weſen, die dort an den Brunnen und Ciſter— nen ihre Waſſerkrüge füllen, oder in den Städten und Dörfern mit den nle— drigſten Arbeiten beſchäftigt ſind. Selbſt wenn der Schleier das Geſicht der Indierin verbirgt, iſt ihre edle, gebietende Geſtalt in ihrer maleriſchen Um— hüllung anziehend genug. Ihre Gewohnheit, von früheſter Jugend auf leichte
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