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zoͤſtſchen Revolution, das vergoſſene Blut elnes Könige und einer Königin veranlaßten die Lobredner des Republikanismus zu heftigen Deklamationen, ſtatt ihnen Stillſchweigen aufzuerlegen. Viotti war einer der ſtärkſten Lob⸗ preiſer der franzöſiſchen Revolution, wie ſie ſich auch geſtalten möge. Die Po⸗ lizei hatte die Augen auf ihn gerichtet; man beſchuldigte ihn, ein Agent der franzöſiſchen Revolution zu ſein, und verwies ihn, nebſt einer großen An⸗ zahl Avan turiers und ehrlicher Leute aus dem Lande.
Der Erfolg bewies, daß Viotti nicht zu der Propaganda gehörte, wie man ihn beſchuldigt hatte. Statt nach Frankreich zu gehen, begab er ſich nach Deutſchland. Ein Engländer, Namens Smith, bot ihm ein. Aſyl in ſeiner hübſchen Villa, nahe bei Hamburg an; der Violiniſt nahm dieſes großmüthige Anerbieten an, und in dieſer Zurükgezogenheit komponirte er ſeine ſechs Duos concertans, die er mit einer Vorrede begleitete, in welcher er ſagte:„Dieſe Arbeit iſt die Frucht einer Muſe, welche das Unglük mir verſchaffte. Einige Stüke find die Erzeugniſſe meines Kummers, andere die der Hoffnung.“ Daß Viotti ſich unglüklich fühlte, kann man begreifen. Aus England wurde er ausgewieſen, und Frankreich ſah er ſich durch die Exzeſſe der Revolution ver— ſchloſſen, aber zur Zeit, wo er dieſes ſchrieb, bewohnte er einen kleinen Pa⸗ laſt in einem, hauptſächlich in Beziehung auf Muſik, nichts weniger als bar⸗ bariſchen Lande. Wie viele Künſtler würden das Unglük Viotti's beneiden.
Noch ſtand der Weg zum Wohlſtande dem Virtuoſen offen, aber ſeine Unklugheit machte, daß ſich immer das Glük wieder gegen ihn wandte. Nach einem Zeitraum von einigen Jahren, die für ſeinen Ruhm nicht verloren wa⸗ ren, kehrte er nach England zurük. Statt jedoch ſeinem bewundernswerthen Talente zu vertrauen, warf er ſich in Spekulationen, und etablirte ſich als Weinhändler. Einige Jahre reichten hin, um ihn völlig zu ruiniren; nun ſchlug er den Weg nach Paris ein, wo er(im Jahr 1819) die Direktion der königlichen Muſik-Akademie erhielt. Die Pariſer hatten die Anſtrengungen vergeſſen, welche Viotti im Jahre 1789 gemacht hatte, um in Frankreich den Geſchmak der guten Muſik zu verbreiten. Intrigue und Eiferſucht verurſach⸗ ten dem neuen Direktor zahlloſe Verlegenheiten, die ihn endlich beſtimmten, auf eine Stelle Verzicht zu leiſten, die er nicht mehr behaupten konnte. Lon— don bot ihm abermals eine Zuflucht dar; ſeine alten Freunde drängten ſich um ihn, und Viotti wurde der Geſellſchafter ihrer Vergnügungen, die Zierde ihrer Feſte. Chinnery, beim Schazweſen angeſtellt, zeichnete ſich hauptſächlich hei dieſem gemeinſchaftlichen Veſtreben großmüthiger Gaſtfreundſchaft aus. Um ſeinem Freunde zu Hilfe zu kommen, rufnirte er ſich durch Konzerte und Fe— ſtivitäten. Viotti ſtarb den 5. März 1824, in einem Alter von 69 Jahren.
Das Aeußere Viotti's war merkwürdig. Sein Wuchs war impoſant und frei, ſein Kopf groß, ſeine Stirne hoch und offen, ſein Auge lebhaft und (prechend. Als Komponiſt ſteht er an der Spize ſeiner Schule, und ſeine Schule iſt die erſte von allen. Die Originalität und die Solidität ſeiner Kompoſitionen iſt von der Art, daß ſeine Konzertos nicht nur für die Violine paſſen, ſondern auch für andere Inſtrumente arrangirt werden können, ohne von ihrem Werthe zu verlieren. Seine Kompoſſtionen tragen das Gepräge des Edlen. Andere beſaßen in demſelben Grade ſelne reiche und liebliche Harmo—⸗ nie; er allein aber fügte ihr Größe und Majeſtät bei.


