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ſein natürliches Talent und die Art, wie er Schwierigkeiten überwand, unter die glänzendſten Viollniſten. Er machte lange Zeit in Frankreich und Eng⸗ land Furore.“ Wir ziehen das Urtheil Michael Kelly's vor. Der Styl Gior— novichi's war weder brillant noch kräftig, aber er war bezaubernd, und das will mehr ſagen. Seine große Ueberlegenheit in der Ausführung verleitete ihn, nie der natürlichen Schönheit des Gedankens durch Künſtelei zu nahe zu treten. Zartheit und Vollendung charakteriſtrten ſein Talent. Seine Kunſt war um ſo bewundernswerther, je unmerklicher ſie war, er feſſelte ſein Audi⸗ torium durch eine Art Zauber. Seine Konzerto's ſind nicht mehr in der Mo— de, allein dies beweiſt nichts gegen ihren Werth. Sie ſind voll Eleganz, Zartheit und Gefühl. Der erſte Violiniſt, der den Muth haben wird, ihre Wirkung auf die abgeſtumpften Zuhörer unſerer Zeit zu verſuchen, wird bei ihnen Elemente eines Erfolges finden, die keine der ausſchweifenden Kompoſi— tionen der vielen Charlatans von Violiniſten darbietet.
Giornovichi hatte, durch einen ſonderbaren Kontraſt mit der graziöſen Luſtigkeit ſeines Styls, einen reizbaren Charakter. Sein Leben ſcheint faſt nur ein fortwährender Krieg mit den Menſchen, ſelbſt mit den Nationen ge— weſen zu ſein: er war ſo zu ſagen ein Duelliſt, ein Raufer von Profeſſlon. Seine Sonderbarkeiten entfremdeten ihm das Publikum, und ſeine Streit— ſucht ließ ſeine Beſchüzer den Genuß ſeines Talentes theuer erkaufen. Er ver— ließ England im heftigſten Zorne, und weder Zeit noch Ort noch Begebenhei— ten änderten ſeinen ſchlimmen Charakter.
Die klaſſiſche Schule übergab endlich den Szepter ſeinem Nebenbuhler. Viotti, deſſen Namen unſern Dilettanten noch in theurem Andenken ſteht, er⸗ ſchien im Jahre 1790 in den Konzerten von Salomon. Kräftig, majeſtätiſch, prächtig, wurde der Styl ſeiner Kompoſition durch brillanten, energiſchen und markigen Vortrag bewundernswerth unterſtüzt. Man ſagte von ihm:„er führt einen Bogen von Baumwolle, mit dem Arme eines Herkules.“ Nie näherte ſich ein Muſiker mehr dem Erhabenen. Ein Schüler des berühmten Pugnani, fügte er das Feuer ſeines Genies zu der Weite des Strichs ſeines Meiſters.
Viotti wurde im Jahr 1755 zu Fontaneto in Piemont geboren. Seine muſikaliſche Erziehung war etwas frührelf und ſchnell. Im zwanzigſten Jahre wurde er erſter Violinſpieler an der königlichen Kapelle von Turin. Nach ei nigen Jahren fortgeſezter Studien daſelbſt, begann er die gewöhnliche Pil— gerſchaft; er kam nach Paris. Man empfing ihn wie ein Wunder, aber durch ſeinen Ungeſtäm verſcherzte er ſich die Bühne. Die Königin Marte Antoi— nette war begierig, Viotti zu hören; der Künſtler begab ſich nach Verfailles, wo der ganze Hof verſammelt war; er fängt ſein Stük an, aber dos Geplau— der unterbricht ihn; er fängt von Neuem an;— neues Geplauder. Jezt macht er ſein Heft zu, nimmt den Hut unter den Arm, und geht.
Mehr bedurfte es nicht, um einen exaltirten Kopf der republikaniſchen Partei geneigt zu machen. Indeſſen war Viotti der Mann nicht, um für den Sieg ſeiner Grundſäze den Kampfplaz zu betreten. Sobald er ſah, daß ſich der Himmel verfinſterte, begab er ſich nach England, wo er mit Enthuſtasmus empfangen wurde. Er hätte daſelbſt mit Leichtigkeit ſein Glük auf Koſten ſei— ner verdunkelten Nebenbuhler machen können, aber die Saturnallen der fran⸗


