307 Augenblik zu zaudern, an den Pult, den der Mönch in Veſchlag genom— men hatte. „Wo wollen Sie hin?“ fragte ihn der Bruber.
„Den Plaz der erſten Violine einnehmen!“ war die einzige Antwort des Künſtlers. Laurenti hielt auf ſein Vorrecht; er erklärte dem Bewerber, daß, wenn er ſeine Kunſt bei der Veſper oder bei der großen Meſſe zu zeigen wünſche, man ihm einen geeigneten Plaz anweiſen werde. Aufgebracht hierü⸗ ber drehte Veracini dem Bruder den Nüken und ſezte ſich auf die lezte Bank des Orcheſters, auf den unterſten Plaz. Als die Neihe an ihn kommen ſollte, lud ihn Laurenti, der vermuthlich die Muſik dirigirte, ein, der vordern Plaz einzunehmen, um von dem Publikum mehr geſehen werden zu können.
„Nein,“ ſagte Veracink,„ich ſpiele hler, wo ich bin, oder ich ſpiele gar nicht.
Er fing an. Der Ton, den er ſeiner Violine entlokte, feſſelte augen— bliklich die Aufmerkſamkeit der Anweſenden: ſolche Reinheit, Klarheit und Kraft war beiſpiellos. Die Ehrfurcht vor dem beiligen Orte konnte den all ge⸗ meinen lauten Beifall nicht verhindern. Am Ende jeder Paſſage hörte man die Bravorufe ſich erneuern, und der Virtuoſe rief, indem er ſich gegen den alten Direktor des Orcheſters mit triumphirender und verächtkicher Miene wandte, dieſem zu:„So muß man die erſte Violine ſpielen.“(Cosi si suona per fare il primo violo.)
Veracini hätte mit aller Bequemlichkeit ſein Glük gemacht, wenn er nur batte Schüler annehmen wollen; aber er lehnte es durchaus ab, Lektionen zu geben, und machte nur zu Gunſten ſeines Neffen eine Ausnahme. Er ſelbſt batte auch nur einen einzigen Lehrer, ſeinen Oheim, und war auch er deſſen einziger Schüler. Sein durchaus origineller Styl war bizarr, überfüllt. Mit der Geige in der Hand durchzog er Europa. Im Jahr 1745 kam er nach Eng⸗ land. Er beſaß zwei Violinen von Steiner, die er für die beſten von der Welt aus gab. In Folge eines mit Frivolität gepaarten Aberglaubens hatte er die eine St. Peter und die andere St. Paul getauft. Veracini's Verdienſt beſtand hauptſächlich in dem Reichthum, der Tiefe und der Leichtigkeit ſeiner Arpeg— gio's, und in einer Stärke des Tones, der ſich mitten aus dem lärmendſten Orcheſter heraus vernehmen ließ. ·
Man pflegt von Tartini zu ſagen, er ſpreche mit ſeinem Bogen. Nar— dini, ſein beſter Schüler, zeichnete ſich, mit nicht ſo ſchneidender Originali— tät, gleichfalls durch einen rührenden und wahren Vortrag aus.„Seine Violine,“ ſagte der Präſident Dupaty, der das Glük hatte, ihn im Jahre 1785 in Italien zu hören,„ſeine Violine iſt, oder hat eine Stimme. Er hat die Nerven meines Ohrs auf eine Art erſchüttert, wie ſie noch niemals vibrirt haben. Bis zu welchem Grade der Feinheit theilt Nardini die Luft! mit welch außerordentlicher Geſchiklichkeit berührt er die Saiten ſeines Inſtruments! von welcher Kunſt und welcher Reinheit zeugt nicht ſein Vortrag!“
Nardini kam nie nach England; aber die Engländer wurden durch die Ankunft Felice Giardini's entſchädigt, der eine, bis zu Paganini unerhörte Senſation erregte. Felice Giardini, im Jahr 1746 zu Turin geboren, hatte den größten Theil ſeiner muſikaliſchen Erziehung von Somis, einem der Schü— ler Corelli's, erhalten. Im ſiebzehnten Jahre reiſte er nach dem Gebrauche


