Jahrgang 
Band 1 (1837)
Seite
299
 
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des Herumtappens. Dann aber, wenn man ein Ziel erreicht zu haben glaubt, erſcheint plözlich einer jener Wundermänner, die mit ſchöpferiſcher Kraft be gabt, einen neuen Weg einſchlagen. Dies iſt die Geſchichte der politiſchen Inſtitutionen, es iſt dies die Geſchichte der Poeſie, und ſo auch die der Künſte. Tartini wußte neuen Vortheil aus einem Inſtrumente zu ziehen, deſſen vier Saiten alle Myſterien der Muſik in ſich zu verſchließen ſchienen. Er wurde im Jahr 1692 zu Piſano in Iſtrien geboren. Seine neugeadelte Familie konnte nicht daran denken, einen ihrer Schößlinge herunterzuſezen, und ihn die Lauf⸗ bahn eines Kaufmanns betreten zu laſſen, und beſtimmte ihn zum Studium der Rechte. Der junge Geſezgeber zeigte bald einen der ſonderbarſten Charak- tere; man ſah ihn nach einander als Matroſe, Raufer, Marktſchreier und Profeſſor der Fechtkunſt; dann warf er ſich auf einmal mit Leidenſchaft auf das Studium der Muſik. Um dieſen wilden unbändigen Charakter zu zähmen, ſandte man den jungen Tgrtini im Jahr 1710 auf die Univerſität zu Padua, die damals nicht weniger als achttauſend Studierende zählte.

Der junge Barbar, denn etwas Anderes konnte in den Augen der Ita liener ein Menſch aus Iſtrien nicht ſein, eine Gegend, aus welcher die Re publik Venedig ihre wildeſten Söldlinge bezog, wurde raſend verliebt, was ohne Zweifel ſehr verzeihlich iſt, was aber doch emporgekommene Familien we niger verzeihen, als andere, wenn, wie es hier der Fall war, der Gegenſtand der Liebe derjenigen Klaſſe angehört, der man entſagt hat. Die Welt ſtand Tartini offen, aber dieſe Welt war eine Wüſte für ihn, und der Apollo von Iſtrien wäre Hungers geſtorben, wenn ihm nicht ein Kloſter ſeine Thore geöff⸗ net hätte. Ein Mönch, ſein Verwandter, ſchäzte ihn gegen das Unglük, und ſeine Geige gegen die Langeweile, und durch ſeine reißend ſchnellen Fprtſchritte erwarb er ſich bald einen Plaz im Orcheſter der Kathedrale. Sechs Jahre lang gab er ſeiner Familie kein Lebenszeichen von ſich; als aber einſt an einem gro ßen Feſttage der Wind den Vorhang wegwehte, hinter welchem das Orcheſter zu ſpielen pflegte, wurde Tartini durch einen ſeiner Kameraden erkannt, der ſo dann deſſen Verwandte hievon in Kenntniß ſezte. Eine theilweiſe Verſöhnung

fand ſtatt: der Vater verzichtet auf die gehofften Triumphe im Gerichtsſaal, und erlaubte ſeinem Sohne, einen Stand nach Neigung zu wählen.

Der häusliche Zirkel iſt für den Künſtler von Genie ein zu beſchränkter Naum. Veracini, ein berühmter Violinſpieler, hatte ſich einige Zeit zu Ve nedig aufgehalten, und Tartini hatte dadurch eine ganz neue Idee von ſelnem Inſtrumente bekommen. Venedig brachte ihn durch ſeinen Luxus und Féten von ſeinen Studien ab. Er zog ſich nach Ancona zurük, um ſich Tag und

Nacht der Muſik zu widmen. Sein Nuf vergrößerte ſich ſchnell; er wurde zum erſten Violiniſten bei der Kirche des heiligen Antonius von Padua ernannt, eine Stelle, nach welcher damals alle Virtuoſen ſtrebten. Tartini war nicht undankbar, denn in Folge eines Aberglaubens, über den wir jezt lächeln, der aber feinem Herzen Ehre machte, weihte er ſich und ſeine Violine für immer dem Heiligen. Er errichtete eine Muſikſchule und ſeine Schüler verbreiteten den Ruf ihres Meiſters in den verſchiedenen Hauptſtädten Europa's. Von meh⸗ reren Souveränen erhielt er die glänzendſten Anerbietungen, aber ſeine Fröm migkeit beſtand jede Probe der Verführung; er wollte keinen andern Beſchüzer als ſeinen heiligen Antonius.(Jortſezung folgt.)