Jahrgang 
Band 1 (1837)
Seite
298
 
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großen maestro verſchafften ſeinem Namen bald in ganz Italien Eingang. In Neapel ſchäzte man ſeinen glänzenden und geſchmakvollen Vortrag; aber man hielt ihn nicht für geeignet, einem Orcheſter vorzuſtehen. Sein Ungeſtüm, ſeine Hize riſſen ihn unaufhörlich fort, und er vergaß ſeine Mitſpieler. Da⸗ durch zog er ſich den Vorwurf zu, den Takt zu vernachläſſigen.

Im Jahre 1714 kam Geminiani nach London. Georg 1. ſaß damals auf dem Throne. Dieſer Fürſt ſteht gerade nicht im Rufe, die ſchönen Künſte be ſonders protegirt zu haben, aber er war ein Deutſcher und liebte die Muſik. Der Varon von Kielmansegge, ein geborner Hannoveraner und Kammerherr des Königs, erklärte ſich zum Mäcen des jungen Violinſpielers. Geminiant hatte die Chre, ſich vor dem Monarchen in deſſen Zimmer hören zu laſſen. Händel begleitete ihn auf dem Klavier. Entzükt erklärte Georg, daß die Geige in ſolchen Händen die Königin der Inſtrumente ſei; mehr bedurfte es nicht, um einen Künſtler in die Mode zu bringen, namentlich einen Künſtler von Geminiani's Verdienſten. Seine Herrſchaft dauerte lange; ſie dauerte fünf zehn volle Jahre. Während dieſer langen Periode wagte man Keinen mit ihm in Beziehung auf die Vollkommenheit der Ausführung, auf die Eleganz, Friſche und Lebhaftigkeit ſeines Styls zu' vergleichen. Er ſchrieb hierauf di⸗ daktiſche Werke und Abhandlungen über die Harmonie und erfand zuerſt jene nachahmende Muſik, von welcher diePrager Schlacht das volksthümlichſte und langweiligſte Stük iſt. Geminiani hatte auch die ausſchweifende Idee gefaßt, die Hauptpartie des dreizehnten Buchs aus dem befreiten Jeruſalem durch Töne wiederzugeben; allein alle Geſchiklichkeit des Komponiſten muß nothwen⸗ dig ſcheitern, ſobald er den Kreis desjenigen überſchreitet, was ſich durch Töne nachahmen läßt. Mag es ihm auch gelingen, den Marſch der Armeen, den Hufſchlag der Pferde auf dem erdröhnenden Boden, den Sturm und ſo manches Andere auszudrüken; die heißen Berathſchlagungen des Kriegsraths, die verſchiedenen Evolutionen der Truppen und die heimlichen Drohungen der Verſchwörer kann er doch nie durch Töne wiedergeben.

Nachdem Geminiani ſechsunddreißig Jahre in England zugebracht hatte, begab er ſich nach Irland, wo er im Jahre 1762 in einem Alter von 85 Jah- ren ſtarb.

Carbonelli, ein anderer Schüler von Corelli, zeichnete ſich durch ſein Talent im Vortrag aus. Er kam im Jahre 1720 nach England, wo er als Kapellmeiſter bei der Oper augeſtellt wurde. Seinen größten Ruf verdankte er übrigens ſeinem Enkel, der auch, obgleich auf ganz andere Art, die Kunſt verſtand, den Engländern zu gefallen. Lezterer war es, von dem man zu ſagen pflegte:In Carbonelli's Keller kommt nie ein gutes Faß Vordeauyx-Wein, und nie ein ſchlechtes heraus. Er iſt ein merkwürdiger Kompoſiteur. Seinen Großvater, den Violiniſten, welcher gleichfalls Apollo verließ, um zu Bacchus überzugehen, und Weinhändler wurde, ernannte der König zu ſeinem Weinlieferanten, was immer ein einträglicheres Amt war, als das eines Muſikers ſeiner Kapelle.

Eine ſeltene Erſcheinung ſollte jezt die muſikaliſche Welt in Erſtaunen ſezen: es war dies Giuſeppe Tartini. Gewöhnlich machen die Künſte ihre Fortſchritte ſprungweiſe. Zwiſchen dieſen Springen iſt immer ein langer Zwi ſchenraum, die Periode der Vervollkommnung, oder wenn man lieber will,