g 282
nahe ein Jahr regungslos, bis mich die Frau, durch die ich zu Ihnen kam, aus dem Gewölb erlöſte. Schon als ſie eintrat und mich anblikte, wurde mir ganz wohl um's Herz, und wie ein elektriſcher Schlag durchzukte es mich, als ſie mich berührte: wie Sie wiſſen, Rapport, oder wie man das ſonſt nennt. Ich ſchwieg aber, um mich im Gewölbe nicht neuen Verwiklungen auszuſezen. Abends kam ich in Ihre Hände. Seither habe ich mich immer mehr und mehr er— holt, und weil Sie ſich gegen mich artig benehmen und die Kinder lieben wie ich, will ich Ihnen einen Dienſt erweiſen. Sie möchten gern ein Mährchen ſchrei— ben, wiſſen aber nicht, wie dies anzufangen ſei, mit einem Wort, Sie ſind in Verlegenheit, ſo biete ich Ihnen meine Hilſe an; ich will Ihnen beiſtehen. Es wird zwar nicht viel herauskommen, Sie haben keinen rechten Mährchen- zuſchnitt, aber verſuchen wollen wir's.“ Johannes erwiderte:„Mein Lieb— ſter! Sie ſind mir im höchſten Grade willkommen, ich will mich gleich an den Schreibtiſch ſezen, belieben Sie dann nur zu diktiren. Der Titel heißt„Ver— legenheit und Hilfe.“—„Verzeihen Sie,“ entgegnete der Laternenanzünder, »ſo iſt es nicht gemeint. Ich will Sie in die Fabrik der Erzählungen führen, dort werden Sie das Weitere erfahren.“
Während ſich nun Johannes ankleidete, lief der Kleine an den Wänden auf und ab, wie eine Fliege, und immer ſtellten ſich neue Gegenſtände dar: bald Gärten, die ſich in's Unendliche ausdehnten, mit den herrlichſten Bäu— men und rauſchenden Gewäſſern, dann Palläſte, ſo ſchön, wie ſie nirgend auf der Welt anzutreffen ſind, und Prinzeſſinen und Mohren, Ritter und Zwerge im bunteſten Gewirr, und ſo wechſelte es immer, bis Johannes ganz ſchwind— licht wurde und ſprach:„Ich bitte Sie, mein lieber Freund, dieſe Toll— heiten bei Seite zu laſſen, ich werde ganz konfus und kann gar nicht mehr vernünftig denken. Erzählen Sie mir lieber, was es für eine Bewandtniß hat mit der Erzählungsfabrik, die Sie erwähnt.“ Augenbliklich verſchwanden die Bilder von der Wand. Der Kleine ſtand neben Johannes und begann: „Die Kunſt geht nach Brod, die Menſchen auch; da iſt nun Einer derſelben auf die Idee gekommen, eine Erzählungsfabrik anzulegen, und ſie hofft auch ein ausſchließliches Privilegium auf die Dauer von fünf Jahren zu erhalten. Der Vorzug der Fabrikerzählungen iſt, daß ſie in keinem öffentlichen Blatt getadelt werden, weil der Eigenthümer der Rezenſirmaſchine der Muſe den Hof macht; und Sie wiſſen, daß die Rezenſenten immer nur nach ihrer perſönli— chen Zu- oder Abneigung und nicht nach dem Werth des Werkes urtheilen.“— „„Was iſt denn die Taxe für eine Erzählung?“—„Das werden Sie ſchon hören,“ gab der Kleine zur Antwort.„Sind Sie ſchon angezogen?“—„Ja, mein kleiner Freund!“—„Als ein rechter Laternenanzünder will ich Ihnen vorleuchten, mein Lieber!“ ſprach der Kleine und griff auf den Tiſch nach einem Buch., Es war ein Werk, auf welches ſich jeder Schriftſteller beruft, wenn er den Mangel eigener Phantaſie durch erzwungene Luftſprünge zu erſe— zen ſucht, mit einem Wort, es waren Hoffmanns Serapionsbrüder. Der Kleine riß ein Blatt heraus, und dieſes leuchtete alſobald in wunderbarer Helle; ſie traten auf die Gaſſe.
Als ſie eine Weile gegangen waren, bemerkte Johannes, daß Hoffmanns Blatt bald düſterer, bald heller brannte. Der Kleine, den er darum befragte, erwiderte:„Dies hangt von den Leuten ab, die in der Gaſſe wohnen, durch


