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tuo!“— der große Lümmel, der nicht einmal weiß, was man Damen ſchuldtg iſt— man muß ihn bemitleiden.“
Dieſe Abwechſelung von Murren und Gebetesformeln währte ſo lange als der Gottesdienſt, und wie ſie im Herausgehen aus der Kirche das Weih⸗ waſſer nahm, ſah man ſſe noch die Achſeln zuken.
Es war in der That ſonderbar anzuſchauen, wie die gute Großtante in dem weitfaltigen Roſakleid einherſchwamm, deſſen Schnitt allein ihr Alter verrathen hätte, wenn die Zeit in ihrem Laufe verſäumt hätte, ihre Spuren in tauſenderlei Verwüſtungen ihres Angeſichtes zurük zu laſſen, die ſie allein nicht bemerkte, und mit Zuverſicht darauf rechnete heute nicht weniger Effekt in dem Roſdkleid zu machen, als an dem Tage, wo ſie es zum erſten Male trug.
Wie in den Tagen ihrer Jugend, wenn das frohe Hochzeitmal vollendet war, der muntre Vetter die Strumpfbänder der Braut hoch in die Luft erhob, die er geſtohlen, und die Muſikanten ihren Plaz eingenommen hatten, machte ſich die Alte bereit, denn ſie wollte— auch tanzen. Ich möchte Ihnen gerne ein Portrait der Großtante entwerfen, aber Sie würden ſagen, ich übertreibe; ſo wiſſen Sie denn nur, daß ſie mit den tiefen Furchen, welche das Alter in ihr Antliz gepflügt hat, einen beinahe rieſenhaften Wuchs, einen Grenadier— Schritt und eine weithinſchallende Stimme vereinigte, und eigentlich nichts als den Namen vom Weibe an ſich trägt..
Wie verwundert war ſie, als nun der Vater der jungen Frau, der ſie am Morgen ſo erzürnt hatte, auf ſie zuſchritt, ſich ihre Hand zur Minuette zu erbltten. In der erſten Aufwallung hätte ſie ihm bald einen Korb gegeben; denn die Großtante war eben nicht verſöhnlicher Natur; aber die Geigen klangen ſo einladend herüber, es blieb keine Zeit zur Ueberlegung, und ſie folgte dem Tänzer, nur im Innern beklagend, daß Andrés, ihr Landsmann, ihr Jugendfreund, der Gefährte ihres ſeligen Mannes, dieſe Gelegenheit hatte unbenüzt vorüber gehen laſſen, ihr ſeine Ergebenheit zu bezeigen.
„Ja man rechne nur auf Freunde!“ ſprach ſie halblaut, indem ſie halb ſchmollte, balb ihrem Chapeau zuzulächeln ſich zwang,„es iſt abſcheulich und ich werde mir es lange Zeit merken— ſo gegen allen Anſtand zu fehlen!— und mein Neffe, der noch kein Wort mit mir geſprochen hat— geſtehet nur, daß man ehemals viel artiger war. Die jungen Leute drängten ſich, uns zum Tanze aufzufordern, ſie verſchwendeten kleine Aufmerkſamkeiten und die ge— fliſſentlichſte Sorgfalt.— Ach mein Freund!“ fuhr ſie faſt gerührt fort, als ſie ihm in der Tour die Hand reichen mußte,„war es nicht damals viel beſ— ſer als jezt?“ g a
„Ich will nicht mit Ihnen ſtreiten, Madame! aber ſehen Sie ſich ein— mal um, das wird Ihre Frage beſſer beantworten, als ich es vermöchte. Be— trachten Sie die jungen Leute; fragen Sie einmal unſre Mädchen, die werden ſich kaum über die Burſche zu beklagen haben. Vegnügen wir uns, dieſe glür— lich zu ſehen, und ſelbſt ſchon früher glüklich geweſen zu ſein. Jeder zu ſei— ner Zeit, das iſt recht und billig!“
„Mir ſcheint Ihr ſeid auch ſchon kindiſch vor Altersſchwäche! Jeder zu ſeiner Zeit? und habe ich denn keine Zeit? ſeht doch, ob Einer auf dieſe Seite kömmt!“


