Jahrgang 
Band 1 (1837)
Seite
275
 
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daß ſeine Todtenliſte ſich vermehrt hat. Johannes fühlte ſich durch dieſen Todten⸗ vogel aufgeregt und ging ihm nach, wie wir denn immer durch alles Räthſel⸗ volle, Grauenhafte uns angezogen fühlen; er fand ihn beim Ofen ſizen. Es ſchien, als betrachte er eine weibliche Figur, die auf der Außenſeite des Ofens abgebildet war; als aber Johannes näher trat, bemerkte er, daß der Lei⸗ chenanſager ſchlief.So ſchläft er alle Tage nach Tiſch. ſagte einer der An⸗ weſenden, als Johannes ſeine Verwunderung hierüber äußerte.

Indeß hatte ſich die Geſellſchaft nach und nach verloren, auch der Poet nahm ſeinen Laternenanzünder und entfernte ſich. Die neue Zündmaſchine er⸗ hielt ihren Plaz an ſeinem Bette. Seltſame Träume zogen an ihm vorüber, wie ſie ſich oft bei Menſchen einſtellen, deren Phantaſie lebhafter iſt, oder wie ſie ruhigen Menſchen erſcheinen, wenn ſie fremdartig aufgeregt werden. Aber von Nacht zu Nacht wurden die Träume wunderbarer, ſo daß er regelmäßig gegen Mitternacht in einen Mittelzuſtand zwiſchen Schlaf nnd Wachen verſank und die verworrenſten Bilder ihm vor das Auge traten. Endlich es war die geheimnißreiche Sylveſternacht war es ihm, als höre er ſich rufen; Johan- nes horchte auf, deutlich flüſterte es nun:Schlafen Sie, Herr Graf? Er blike um ſich. Der kleine Laternenanzünder hatte ſeinen Plaz auf der Zünd⸗ maſchine verlaſſen und ſich auf das Kopfkiſſen geſtellt, und ſprach nun mit leiſer, aber anmuthiger Stimme, etwa wie ein Theatertenoriſt ſingt, wenn er ſeine Stimme verloren und doch noch als Othello dem Publikum eine Ah nung deſſen gibt, was es eigenllich hören ſollte. Er ſprach alſo:Mein lie ber Herr Graf, empfangen Sie meinen lebhaften Dank für die höfliche Art, mit der ſie mich bedacht. Ich fühle mich durch Sie angezogen, und dadurch, daß ich am Weihnachtsabend in Ihrem Hut verſtekt war, kam ich mit Ihnen in magnetiſchen Rapport; ſo kam es, daß ich endlich wieder meine Sprache erhielt, die ich ſchon längſt verloren; ſo will ich Ihnen denn auch erzählen, wer ich bin und was ich Ihnen für Dienſte leiſten kann. Da ich ſo ziemlich ſehe, was in Ihrem Kopfe vorgeht, ſo wird Ihnen mein Anerbieten willkom men ſein.(Fortſezung folgt.)

Das Roſakleid. (Beſchluß.)

Der Bauersmann hört die Klagen der alten Schönen nicht einmal, denn er iſt in das Anſchauen ſeiner jüngſten Tochter, ſeiner Venjamine verſunken, denn das iſt die junge Frau, während die Großtante ihr Gewand vor Unbil den ſchüzend, ein:Dominus vobiscum! herausgeſtoßen, den armen alten Bauer wiederholt mit einem wüthenden Blike maß; hätte der arme Mann ihn bemerkt, er würde ſie für eine Hexe gehalten haben, die einen Zauberſpruch über ſein unſchuldiges Haupt ergehen läßt, und vielleicht hätte er ſogar ge zittert; zum Glük für ſeine Ruhe nahm er aber weder Alte noch Blik in Acht.

Niemals hat man doch ſolche Leute geſehen, das hat keinen geſunden Menſchenverſtand! brummte ſie, ſich umwendend, denn die Großtante machte auch ihre Anſprüche auf guten Ton, dann wiederholte ſie:Et cum spiritu