Jahrgang 
Band 1 (1837)
Seite
274
 
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wie ein Kind. Endlich ging die Thür auf und Alles ſtroͤmte hinein in das Zimmer der Verheißung. Ein großer Tannenaſt war mit hundert und hun⸗ dert Wachslichterchen erleuchtet; Zukerchen in allen Arten gefärbten Pa⸗ piers bingen zwiſchen den kleinen Zweigen, und ſchwere Pomeranzen glänz⸗ ten aus dem ernſten Grün heraus, an beiden Seiten ſtanden lange Tiſche, auf dieſen die Geſchenke für jeden der Anweſenden.

Das bunte Gewühl wurde immer krauſer; Jeder und Jeder ſuchte das Zugedachte und ergözte ſich an dem, was die Andern erhielten, und den ſinn⸗ reichen komiſchen oder gemüthlichen Verſen, die ſie begleiteten. Auch der Poet fand zulezt eine allerliebſte Zündmaſchine, die ihm galt. Es war ein Lampen⸗ anzünder mit dem Käſtchen für die Lampen und einer Straßenlaterne; hiebei war folgender Spruch: 8

Sieh' die Lampe erglüht in nächtlicher Stille, Tag wird es Nachts in der Seele dunkeln Tiefen, Sternengekrönt ſteht die Muſe vor dir.

Auf denn! ſchütte den glühenden Strom Hin auf gefäll'ges Papier.

Er verwahrte das ihm überaus werthe Geſchenk in ſeinem Hut, während die übrige Geſellſchaft ſich wieder in den Salon zurük begab und die Heiter keit des Abends, die ſinnige Wahl der Geſchenke, überhaupt das Ganze be ſprach, mit einem Wort, ſich des Geſchehenen und Geſehenen erfreute. Es war Zufall, daß in einer Weile der Poet in einer Fenſteröffnung neben einem Fräulein ſtand, welches wir Adelheid nennen wollen. Was ſich von dieſem Fraͤu lein Gutes und Liebes ſagen läßt, geht ins Mährchenhafte, ſtünde alſo hier an ſeinem Plaz; aber da wir, Dank ſei es unſerm gütigen Schikſal! im Stande ſind, jezt manches Wunderbare zu erzählen, ſe erſparen wir uns das, was hier zu ſagen wäre, bis zu einer Zeit, wo wir mit unſerer Phantaſie nicht auskommen, und eine dem Grab entgegenſchleichende Sage oder Novelle durch eine weder geſchmeichelte noch vollendete Schilderung, wie Goethe irgend- wo ſagt, retten wollen. Genug alſo, Beide ſtanden in einer Fenſteröffnung, und Adelheid ſprach:Sehen Sie das Fenſter da drüben? da ſehe ich immer Licht. Ich mag noch ſo ſpät zu Bette gehen, noch ſo früh aufſtehen, immer brennt das. Wer mag dort wohnen? Vielleicht ſind es ſehr unglükliche Menſchen. Johannes antwortete(denn Johannes iſt der reimloſe Name des Reimers): »Wahrſcheinlich iſt es ein Poet oder ein Schneider, wie denn überhaupt zwi⸗ dieſen beiden Handwerkern viel Aehnliches obwaltet.

Er wollte eben dieſe etwas ſonderbare, aber wahre Handwerksverwandt ſchaft durchführen, als eine hohle Stimme neben ihm ſprach:Er iſt todt, ich ſage Ihnen, er iſt der 2tdte auf meiner Liſte. O Sie müſſen ihn gekannt haben, er war oft hier. Johannes blikte zurük und traf auf eine ganz wun⸗ derliche Geſtalt. Ein hoher, magerer Mann, beinahe wie ein Lineal, dem man einen Todtenkopf aufgeſezt, in einem altert hümllchen Frak und Kappen⸗ ſtiefeln, hatte dieſe Worte zu einem Andern aus der Geſellſchaft geſprochen, und verlor ſich mit dieſem in das Nebenzimmer. Adelheid, die den ſtaunenden Blik des Poeten bemerkte, ſprach: Das iſt unſer Chevaller; er kommt ſeit undenklichen Zelten zu uns und führt ein Regiſter über Alle, die das Haus beſuchen und ſterben; es iſt ihm eine Art Freude, wenn er erzählen kann,