266 Das Roſakleid. (Nach dem Franzöſiſchen der Madame Eugenie Carrere de Leran.)
„So mach doch, Perrette! hat man jemals ſolche Nachlaſſigkeit geſehen? Mein Kopfzeug, meine Stirnbinde! Wahrlich, du kleiner Jaulpelz! du ver⸗ dlenteſt eine tüchtige Lektion.“
„Ja, Madame, Sie haben gut reden; gehöre ich nicht auch zur Hochzeit?“
„Ja um mich toll zu machen— ſo gib doch Acht, du zerdrükſt mir ja den Beſaz.““
„Ei, habe ich doch niemals einen ſo gewaltigen Puz geſehen.— Vetrach⸗ ten Sie einmal, wie gut mir das Palatin ſtehen würde.“
„Nicht wahr, als ob es für dich gemacht wäre?“
„Und warum denn nicht?“
„Laß es ſtehen, nimm dich in Acht!“
Und während die alte Frau die Haube aus dem vorigen Jahrhundert vor ihrem kleinen Spiegel auf das graue Haupt ſezte, fuhr ſie mit einem Seufzer fort:„Ach, da erinnere ich mich immer an meinen armen ſeligen Mann—“ N
„Madame, Madame! da gehen die Muſikanten ſchon vorüber, und wir ſind nicht fertig!“
„Geſchwinde, kleine Schwäzerin, geſchwinde! Deinetwegen werde ich die Zeremonie noch verſäumen.— Du warſt in deinem Leben noch nicht ſo langſam als heute. Ich wette, Nachbar Andre ſteht ſchon unten und ſieht nach meinem Hauſe, er iſt noch aus der guten alten Zeit, er gibt mir gewiß die Hand.“
„Wie, der alte, häßliche Vater André?“
„Was plapperſt du da?“
„Ich möchte ihn nicht.“
„Er wird ſich auch um dich bekümmern!“ verſezte die Greiſin, ihren Puz ordnend,„ſieh doch nach, Perrette! ſind meine Spizen wohl gefältelt?— Fällt die Bandſchleife gut?— Mir ſcheint, ich habe mich heute ordentlich verjüngt,— was ſagſt du, Kleine? Aber warum lacht Sie denn, wenn es Ihr gefällig iſt?“
„Sie haben Ihre Brille auf der Naſe ſizen laſſen, und das ſieht gar zu drollig aus— man ſieht nichts als die Naſenſpize zwiſchen den zwei Wagen⸗ rädern, ha, ha, ha!“
„Was gibts da mit meiner Brille? die Geduld wird mir reißen, Mam— ſell! wenn ſie nicht bald zu lachen aufhört.“
„Ich lache ja nicht mehr, aber nun machen Sie, daß Ihre Toilette ſer— tig wird, ſonſt komme ich heute nicht an die meinige— ich höre noch die Geige aus der Ferne.“
„Heilige Jungfrau! die Gloke brummt ſchon, und ich bin noch nicht fertig— wo iſt ſie denn? Perrette, Perrette!“
Aber Perrette konnte bei dem Geigenſchall nicht ſtill bleiben; mit zwei Springen war ſie in ihrer Kammer, um auch zu ihrer Toilette den Grund zu legen. Ich will den Grimm der Dame nicht beſchreiben, welcher von den fürch⸗ 5
terlichſten Folgen hatte ſein können, wenn nicht Perrette als Friedenspanler


