252
„Um dieſe Stunde! Glb ber! Wer bat ihn gebracht? Old das Licht her.“
„Eine dike Frau, mit rothem Geſichte, unordentlichen Haaren und ganz außer Athem, aus der wir nicht ein einziges Wort bringen konnten.“
Der Brief wird entſiegelt und mit den Augen verſchlungen.
„Gut; es iſt keine Antwort darauf. Zünde die Lampe wieder an.“
Und als der Bediente fort iſt, wird der Brief wieder geleſen.
Ihr glaubt wohl, ein ſüßes Geheimniß, ein Liebesbrief? Nein, kein Wort von Liebe. Etwas Beſſeres als das. Der Brief war mit zitternder Hand von einer alten, vielleicht armen Frau geſchrieben, von einer Mutter, blos einige Zeilen, die aber das Herz mit Stolz erfüllen mußten.
„Mein Herr, ich wohnte dieſen Abend mit meinen Kindern der erſten Vorſtellung von„Malvina“ bel. Nach unſerer Rükkehr wartete meine älteſte Tochter, bis ich allein war, und warf ſich mir zu Füßen; ſie geſtand mir un— ter Schluchzen, daß ſie auf dem Punkte ſtehe, ſich einem jungen Menſchen hin— zugeben, der ihrer unwürdig ſei; Ihr Stük hat ihr die Augen geöffnet, ihr Gewiſſen beruhigt und ihre Liebe zerſtört; ſie fühlt aufrichtige Reue und iſt in meinen Armen. Meine ganze Familie ſchläft. Ich und- ſie, wir wachen allein, und weinen vor Freude, vor Dankbarkeit. Sie werden uns nie kennen lernen, aber ſein Sie überzeugt, daß Ihr Name uns ſtets heilig bleiben wird.
Könnte doch dieſer Gedanke einigen Werth für Sie haben;
Ehre und das Leben gerettet!“
Sie haben uns die
Anelhten Urtheile. d
Theater.
weſteh(21. April). Vellinis melodiöſe„Norma“ bot am 18. d. M., wegen der Veſezung dreier Hauptpar— thien durch Gäſte, einen neuen Reiz. Mad. Piehl aus Hamburg erſchien als Norma. Das Aeußere dieſer Sängerin iſt ſtattlich und edel und bildet eine imponirende Theaterfigur. Eine kleine ängſtliche Wallung, von der faſt noch keine Sängerin, die unſere große Büh— ne zum erſten Male betrat, ganz frei blieb, ſtellte ſich auch diesmal in deut— lichen Umriſſen ein. Sie dauerte aber nicht lange und Mad. Piehl präſentirte ſich noch vor Ende der Introduktion als eine reich begabte Sängerin und je weiter ſie kam, deſto entſchiedener war die Entwikelung ihrer Voll kommen- heiten. Die Stimme(hoher Sopran)
iſt voll Kraft und Klang und behaup— tet in dem ganzen großen Umfange eine ſeltene Reinheit und Gleichheit, ſo daß ſelbſt die oberſten Töne nichts an Wohllaut und Schmelz entbehren. Der Gefühl und Innigkeit athmende Vor— trag iſt mit italieniſchen Annehmlich— keiten ausgeſtattet; die Verſchmelzung der Töne, die Verzierungen u. Rou— laden zeigen von Geſchmak und geſchik— ter Dispoſition ihrer ſchönen Mittel. Auch ihr Spiel iſt kein todter Buch— ſtabe, vielmehr bedeutungsvoll u. cha— rakteriſtiſch. In den Recitativen that ſich zwar noch etwas die„Deut ſſch— heit“ kund, aber eine größere Ue⸗ bung dürfte auch darin bald das Er— wünſchteſte ſchaffen. Wir glauben durch dieſe ausgezeichnete Sängerin— vor— ausgeſezt, daß ſie auch in andern Opern dieſelben Vorzüge entfaltet— mehr


