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baben Monſleur r Recht. Wir können nicht dafür ſtehen, daß Je⸗ mand, der über Nacht Einen zumgebracht hat, am Morgen darauf ruhig ſchla— fend in ſeinem Vett angetroffen werden ſollte. Wenn er unmittelbar nach der Begehung der That in einen andern Kanton entwiſcht, wer kann uns darob ſchelten? wenn er aber, nach unſerer Hausſuchung von den Stadtleuten geſe— hen wird— ja, da iſt's ein ganz ander' Ding.“
„Gegen den Fall, den du dir da deukſt, ſoll Vorſorge getroffen werden, Freund,“ autwortete Viktor.„Morgen früh iſt Alexis nicht mehr in Frei— burg. Geh jezt wieder zum Amt zurük; wir aber wollen es an lauten Klagen über euer barſches und grobes Benehmen nicht fehlen laſſen, ſo daß man euch für wahre Säulen der Juſtiz anſehen ſoll.“
Als die Gendarmen ſich entfernt hatten, wurde Alexis, der von Gewiſ⸗ ſensbiſſen ganz zerknirſcht ſchien und die Andern nach Gutdünken mit ihm ſchalten ließ, in den Keller geführt und hier ein Berg von Holzſcheiten über ihn aufgthürmt. Dann ſchloſſen ſich der Vater und die Brüder in einer abge— legenen Stube des Hauſes miteinander ein und becathſchlagten hier gemeinſam mit ihrem Oheim Jean, einem rauhen, entſchloſſenen alten Landwirthe und ihren Vettern Ogay und Paccaud, die ſie zu ſich hatten entbieten laſſen, über die beſten Mittel, der Ehre der Familie und, ſo weit möglich, auch Alexi's Leben zu erhalten; wie wohl der lezte Punkt bei Allen, den Vater ansgenom— men, nur ein untergeordneter war.
Um die Geſinnungen, von welchen dieſe,„achtbaren“ Leute geleitet wur— den, recht zu verſtehen, wird es gut ſein, den Rang und Stand des alten Hrn. Gavin kurz in's Auge zu faſſen. Er ſtammte aus einem alten, wo nicht edeln, Geſchlechte, von dem mehrere Mitglieder in früherer Zeit hohe Aemter in dem kleinen Freiſtaate bekleidet und ſich durch manche rühmliche Dienſte in Krieg und Frieden ausgezeichnet hatten. Wohl durfte er mit redlichem Stolze auf ſeine Ahnenreihe zurükbliken; denn ſelbſt von denjenigen ſeiner Vorväter, die ſich aus Trägheit oder Bequemlichkeitsſucht mit den Staatsangelegenheiten nicht hatten bemengen mögen, hatte Keiner einen beflekten Ruf zurükgelaſſen oder dem geachteten Namen der Familie durch ſeine Handlungen Schande ge— bracht. Sie waren Alle geachtete, rechtſchaffene Männer geweſen, und entwe— der ruhig in ihren Betten oder auf dem Felde der Ehre geſtorben. Keinen hatte je eine Strafe für ein Verbrechen getroffen gehabt; und jezt ſollte ein Sohn dieſer Familie den Tod durch Henkers Hand leiden?!
Von dem Augenblik an, wo Alexis verhaftet und in das gemeine Ge— faängniß geworfen ward, war auch ihre angeſehene Stellung in der Geſellſchaft unwiderbringlich verloren.
Gavin ſowohl als ſeine Söhne und Verwandten, ſahen die Ehre ihrer Familie mit einem unvertilgbaren Makel beflekt, alle ihre Ausſichten im Le— ben mit Zerſtörung bedroht; denn von dem Augenblik an, wo Alexis den Ver— brechertod litt, ſah man in ihnen eben die Angehörigen eines Mörders, mied ſie wohl, bis zu einem gewiſſen Grade, als Leute, denen man einen ähnlichen blutgierigen Sinn zutrauen mochte. Verſchwand er dagegen ganz und gar, ſo konnte leicht der Glaube aufkommen, er ſelbſt ſei als ein Opfer der Eiferſucht oder Rachgier gefallen. Gerüchte, daß Dortheim ihn ermordet und dann, von Gewiſſensbiſſen oder Angſt vor der Gerrchtigkeit gefoltert, ſelbſt Hand an ſich


