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Der Greis eilte auf ihn zu und drükte ihn unter ſtrömenden Thraͤnen an die Bruſt; Alexis aber ſuchte ſich aus ſeinen umſchlingenden Armen los⸗ zuwinden und rief:„Verühre mich nicht, Vater, ich bin ein Mörder; ſiehſt du das Blut, Menſchenblut, an meinen Händen! O, deine zärtliche Umhal— ſung erſtikt mich noch!“
„Nein, lieber, lieber Sohn,“ ſchluchzte der Vater,„du kannſt kein Mörder ſein; habe ich dich nicht in der Furcht Gottes auferzogen; dich nicht den Werth eines Menſchenlebens gelehrt; du biſt ja von Gemüth ſo ſanft und menſchlich; als Kind ſchon tratſt du ja freiwillig auch nicht auf den Wurm; du kannſt— kannſt kein Mörder ſein! Irgend ein unglükſeliger Zufall, ein plözlicher Ueberſchwang der Leidenſchaft, ein blind und abſichtslos geführter Streich— muß deine Häude mit Blut beſudelt haben. Gelt, ſo iſt es, ſo iſt's, mein Sohn?“
Alexis erzählte nun ohne Rükhalt oder Beſchönigung den ganzen Vor— fall, genau, wie er ſich zugetragen hatte; worauf der Vater, der die Geſeze ſeines Landes nur zu gut kannte, jede Hoffnung aufgab und über ihn, wie über einen ſchon Geſtorbenen, wehzuklagen anhob. Die gewöhnliche Stimmen— lebhaftigkeit und Unruhe in Alexi's Schlafſtube hatte mittlerweile die Auf- mer kſamkeit der Dienſtboten erregt; von denen denn Einer Alexi's Brüder, Samuel und Viktor, von dem Beſuch der Gendarmen und der unverkennbaren Beſtürzung ihres Vaters in Kenntniß ſezte. Ohne ſelbſt recht zu begreifen, welche Gefahr denn eigentlich drohe, ſprangen die beiden jungen Männer die Stiegen hinauf und traten eben in die Stube als die Erzählung des unglük— lichen Ereigniſſes zu Ende ging, und machten nun ihrem Bruder bittere Vor- würfe über ſein kleinmüthiges Bekennen, indem ſie erklärten, daß, wären ſie zugegen geweſen, er nimmermehr ſo ohne Noth die Familie hätte in Schande reden dürfen. Dann wandte ſich Viktor mit den Worten an die Gendarmen:
„Ihnen kann es wohl nicht anliegen, meine Herren, die grauen Haare meines Vaters mit Unehre ins Grab zu bringen. Es wird hinreichend ſein, wenn die Behörden keinen Verdacht ſchöpfen, daß Sie mit zu großer Gelin⸗ digkeit gegen uns verfahren haben. Es iſt Ihnen nicht bei Todesſtrafe aufer— legt, Jeden, den man der Begehung eines Verbrechens verdächtigt, feſtzuneh— men. Wenn Sie mit Schnelle und Entſchiedenheit zu Werke gehen, ſo iſt das genug. Es kann Sie Niemand darum tadeln, wenn Sie eine Sekunde zu ſpät abgeſchikt worden ſind— wenn Sie ohne Ihre Schuld eine unrechte Fährte verfolgten,— dem gebieteriſchen Drange der Umſtände nachgaben, oder — kurz, wenn Sie es verabſäumten, Jemand zu ergreifen, an den Sie nur auf die Gefahr hin, ihr eigenes Leben einzubüßen, Hand anlegen konnten. Verſtehen Sie mich? Alexis wird nicht als ein Mörder in den Kerker ge—
ſchleppt, ſag' ich! Hier meine Gründe!“
Und mit dieſen Worten warf er eine ſchwere Börſe und ein offenes Zu— ſchlagmeſſer auf den Tiſch. Die Gendarmen hielten erſt eine kurze Zeit Zwie— ſprache mit den Augen, dann aber ſteuerte Einer von ihnen, indem er that, als merke er die in Viktors Rede und Handlung enthaltene Drohung nicht, auf das Gold zu, legte ſeinen breiten Aermel auf die Börſe, die mit wunder— barer Leichtigkeit hineinſchlüpfte, und erwiderte:„Ei, was das betrifft, da


