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Männer weigerten ſich jedoch, ihm in Gegenwart ſelner Familie den Betreff, der ſie hergeführt, auseinanderzuſezen; indem ſie bemerkten, ſie müßten durch⸗ aus mit ihm allein in ſeiner Geſchäftsſtube ſprechen, und zwar ohne Verzug.
»Das iſt denn doch ganz ſeltſam,“ ſagte Herr Gavin und hleß ſie ihm folgen.
„Nun, ihr Herren,“ hob er an,„was wollt ihr?“
„Was wir wollen?“ verſezte Einer der Gendarmen, beleidigt über den hochfahrenden Ton der Frage:„Ihren Herrn Sohn Alexis ſollen wir als des Mords verdächtig verhaften.“
„Mords!“ rief der Vater,„erklären Sie ſich doch deutlicher, wenn ich bitten darf. Es muß hier ein Irrthum zu Grunde liegen. Er iſt ja ſo ſanft⸗ müthig wie ein Lamm.“
„Und troz dem“ fuhren die Gendarmen fort,„iſt er beſchuldigt, den jungen Herrn Michael Dortheim verwichene Nacht auf der Straße erſtochen zu haben; auch iſt nahe bei der Leiche ein Stokdegen gefunden worden, der ihm gehören ſoll. Wir müſſen ihn deshalb ins Gefängniß bringen. Iſt er etwa im Frühſtükszimmer— ſo wäre es wohl das Veſte, Sie ließen ihn in die Stube hier kommen.“
„Er iſt noch gar nicht aufgeſtanden,“ erwiderte höchlich beſtärzt der Vater.
„Dann erfordert es unſere Pflicht,“ ſagten die Gendarmen mit wachſen— dem Verdachte,„ihn aus dem Vette zu holen. Sie müſſen Jemandem von Ih⸗ rem Geſinde den Auftrag geben, uns nach ſeinem Schlafzimmer zu führen.“
Der alte Mann wollte ſich daraufhin unter dem Vorgeben entfernen, er wolle Einen ſeiner Leute holen, damit er ſie zu ihm begleite; allein ſie gaben dies nicht zu, indem ſie bemerkten, ſie wollten und dürften zu einem Verſu⸗ che, womit der Gerechtigkeit ein Schnippchen geſchlagen würde, die Hand nicht bieten.(Fortſezung folgt.)
Die Poſtmeiſterin von Nonancourt.
In Nonancourt, einer kleinen Stadt jenſelts Dreux, trug ſich vormals eine beſondere Begebenheit zu, die ihren Pläz in der Geſchichte zu finden verdient. Als der brittiſche Geſandte, Lord Stair erfahren hatte, daß der Prätendent, der ſich, als er nach Frankreich geflüchtet war, in Chaillot ver— borgen aufhielt, es verlaſſen ſollte, um nach der Bretagne zu gehen, ſich von da nach Schottland einzuſchiffen, und an die Spize der ihm dort noch Anhän— gigen zu ſtellen, wandte er ſich an den Regenten, Herzog von Orleans, mit dem Verlangen, dieſen unglüklichen Prinzen, wenn er durch Chateau-Thierry käme, in Verhaft nebmen zu laſſen. Der Regent, der heimlich gern die Un— ruhen in Schottland unterſtüzt hätte, und doch ſich gern den Anſchein des Eifers für den König Georg geben wollte, ertheilte in Gegenwart des Ge— ſandten ſeinem Gardemajor Contades den Befehl, dem Wunſche des Lords eln Genüge zu leiſten. Contades Scharfblik errieth indeſſen den geheimen Sinn des Herzogs, und ging den 3. November 1715 mit dem feſten Vorſaz ab, den zu Verhaftenden nicht da zu finden, wo er zu ſuchen war.
Stair, ſeinerſeits in den Herzog Mißtrauen ſezend, entſchloß ſich zu el nem„ungeſezmaͤßigen Kraftfchritte.“ Er ſtiftete einen gewiſſen irlaͤndiſchen, in


