Jahrgang 
Band 1 (1837)
Seite
222
 
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ſichtlich der Identität ihres vorgebli⸗ chen Standes, und im Verlauf des Stükes zeigte es ſich vollends, daß der Kapitän ein Schurke und Gauner, und daß der angebliche Darcy ein Glied einer Geſellſchaft der abgefeimteſten Bö⸗ ſewichter ſei, die ihn zum Werkzeuge brauchen wollte, um eine reiche Par⸗ thie zu erzielen und mit der Mitgift ſich aus dem Staube zu machen. Im Grunde aber war der junge Mann nur aus Noth und zufällig in böſe Geſell ſchaft gerathen und meinte es mit ſei⸗ ner Liebe zu Jemina ſehr ehrlich; nur drükte ihn das Bewußtſein, ihr an Stand und Reichthum nicht im Entffernteſten ebenbürtig zu ſein, und wollte daher ihr gewaltſam entſagen, obwohl ſeine Geliebte um keinen Preis von ihm laſſen wollte. Der alte Lord Oranmore, der ſich ſeines Nebenbuhlers entledigen wollte, ſezte Alles daran, um deſſen wahren Stand auszumitteln und auf⸗ zudeken. Die Sache gab ſich wie von ſelbſt. Der Kapitän und ſeine Bande wurden eingezogen, und auch Darcy verhaftet, worüber der Lord nicht we nig triumphirte u. ſich die Hände rei⸗ bend ſchon von Deportation ſprach. Man denke ſich die Verzweiflung der Geliebten und ſelbſt auch die ihres Va ters! Glüklicherweiſe aber ergab es ſich am Schluſſe, daß Darcy der leibliche Sohn des Lords war, der vor vielen Jahren mit ſeiner unſchuldigen Mutter von ſeinem argwöhniſchen Vater ver ſtoßen und verlaſſen wurde. Der Lord iſt nach dieſer Entdekung wie vom Schlage gerührt, rettet noch bei Zei ten den im Grunde nur verführten aber nicht verdorbenen Sohn, ſchließt ihn in ſeine Arme und Darcy und Jemina werden ein Paar. Vater und Sohn, die kontraſtirend und rivaliſirend ſich entgegen ſtehen, kommen zulezt in das von der Natur angewieſene Geleiſe.

Dies ſcheint die Aufgabe, welche ſich der

ungenannte Olchter ſtellte, und im Ganzen recht genügend löſte. Es iſt an Handlung in dieſem Stüke nicht geſpart, ihr Gang iſt lebhaft und be ſonders bei den Aktſchlüſſen ſehr effek⸗ voll. Viele Stellen erinnern ſehr friſch an die rührendſten Iffland'ſchen Fami⸗ lienſzenen und bringen dieſelbe innere Bewegung hervor. Das lebendige Trei ben in der Taverne iſt voll Drolle⸗ rie und Wahrheit. Die Sprache ver räth durchgehends Bildung. Was die Zeichnung der Charaktere anbelangt, ſo iſt ſie meiſt gelungen. Selbſt das Schwankende und Widerſprechende des Lord's läßt ſich vielleicht durch den Um⸗ ſtand entſchuldigen, daß die düſtere Farbe ſeines Gemüthes keine Nat ur⸗ gabe, ſondern nur die Folge ſeines Mißgeſchikes ſei. Herrlich müſſen wir die Schattirung des Kapitäns, dieſes orlginellen Gemiſches von Schurkerei, Gutmüthigkeit und Laune, nennen, ein draſtiſcher Charakter, welcher ganz in jenem pikanten Geiſte gehalten iſt, der uns in guten engliſchen Roma nen ſo lebhaft anzieht. Mit mehr oder weniger ſcharfen Zügen ſind die Charaktere des Darcy, der Jemina, des alten Locke und des Harper(eines Angeſtellten im Hauſe des Lords, den dieſer eine Zeitlang für ſeinen berlor

nen Sohn hält) gezeichnet, und ſo

das meiſte Uebrige. Was wir zu wün ſchen hätten, wäre die Weglaſſung ei niger etwas unnöthigen Längen, be ſonders im erſten Akte; eine beſſere Ver⸗ ſchmelzung, ein Ineinandergreifen der Szenen und eine deutlichere Motlivi rung einzelner Begebniſſe. Wir kön nen aber verſichert ſein, daß der un verkennbar talentvolle Verfaſſer(oder die Verfaſſerin) bei einer zweiten Ar⸗ beit ſich dieſer Mängel gewiß nicht mehr zu Schulden kommen laſſen wer de. Denn wer ſo Werthvolles zu lei⸗ ſten im Stande iſt, kann auf der Bahn