220
nun aber daſſelbe, was hler die beabſichtigte Empfindung vollkommen erreicht, bieſelbe dort gänzlich verfehlt— iſt das nicht zum Verzweifeln?— Eine ſo kleine Spanne Erde ſcheidet dieſe Völker— und ſchon iſt ihr Empfindüngs⸗ und Urtheils-Vermögen ein ſo verſchiedenes! Iſt es nicht für einen Kompo⸗ niſten ein erniedrigender Gedanke— daß man nicht etwas All gemein-Schönes ſchaffen. kann?—— Es iſt aber wohl möglich! wie geſagt, aus der Vereini— gung beider Schulen kann es hervorgehen!— In ferner Zukunft ſchimmert ein Ideal— doch werden wir es ſchwerlich noch erleben. Vielleicht unſere Enkel. — Keine Kunſt iſt ſo ſehr als die Muſik unmittelbar mit dem Charakter der Nation verbunden und dieſer hängt wieder von Klima, von Erziehung, von politiſchen Verhältniſſen u. ſ. w. ab!— Wenn doch ein unparteiiſcher Gelehr— ter über dieſen Gegenſtand ſchreiben wollte: er iſt ſehr reichhaltig!— Ich bin ihm nicht gewachſen und mache auch nur Anſprüche darauf, ein guter Muſikus, nicht aber ein Literat zu ſein.
Win e Cine wahre Geſchichte.
V. Franklin an ſeinen Neffen:
Ich war noch ein Kind, in meinem ſiebenten Jahre, als meine Ver⸗ wandten mir an einem Feſttage die Taſche mit Pfennigen füllten. Sogleich ging ich nach einem Laden, wo man Spielzeug für Kinder verkaufte; der Ton einer Pfeife aber, die ich im Vorbeigehen in der Hand eines andern Kna— ben ſah, entzükte mich dergeſtalt, daß ich ihm freiwillig für dies eine Stük meine ganze Vaarſchaft anbot. Nun ging's nach Hauſe, wo ich pfeifend durch alle Winkel zog, ſehr vergnügt über meine Pfeife, aber der ganzen Familie damit zur Laſt. Da meine Schweſtern, Brüder und Vettern härten, was für einen Tauſch ich getroffen habe, ſo verſicherten ſie mir: ich hätte viermal mehr für das Ding gegeben, als es werth ſei.— Nun ſiel mir ein, was für ſchöne Sachen ich für das übrige Geld hätte kaufen können, und ſie lachten mich ſo ſehr über meine Einfalt aus, daß ich aus Verdruß anfing, zu weinen. Die Reue machte mir nun mehr Aerger, als die Pfeife mir Vergnügen ge— macht hatte.
Da dies aber ewig bleibenden Eindruk auf mich machte, ſo ward mir's in der Folge ſehr nüzlich. Oft, wenn ich in Verſuchung kam, mir etwas Unnöthiges zu kaufen, ſagte ich zu mir ſelbſt: Gib nicht zu viel für die Pfeife, und ſo ſparte ich mein Geld.
Als ich groß ward, in die Welt trat, und die Handlungen der Men ſchen beobachtete, glaubte ich oft, ſehr oft auf Leute zu treffen, die zu viel für die Pfeife gaben.
Sah ich einen Menſchen, der ängſtlich nach Hofgunſt ſtrebte, und der fär ſie ſeine Zeit in Vorzimmern, ſeine Ruhe, ſeine Freiheit, ſeine Tugend und vielleicht ſeine Freunde aufopferte, ſo ſagte ich zu mir ſelbſt: Die ſer Mann gibt zu viel für ſeine Pfeife.
Sab ich einen andern um die Gunſt des Volkes buhlen, unabläſſig mit politiſchen Händeln ſich beſchäftigen und ſeine eigenen Geſchäfte darüber ber⸗


