Jahrgang 
Band 1 (1837)
Seite
219
 
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in Deutſchland ſolcher einſtimmigen Anerkennung zu rühmen? Mozart? o nein! Herr Guſtav Nicolai hat auch ſein Publikum und findet doch manches zu tadeln in Mozart!*) Beethoven? oder Weber?o nein! auch ſie haben ihre Gegner, die ich perſönlich kenne und die ihre Mißbilligung mit nicht gänzlich nichtigen Gründen belegen. Wer alſo? Niemand!

Richten wir unſere Augen auf eine nicht zu leugnende Thatſache! Wel cher deutſche Komponiſt iſt es, deſſen Werke über die ganze Erde verbreitet ſind? Mozart. Ich behaupte aber, er hätte dieſen Weltruf nicht erlangt, wenn er nicht zum Theil in Italien und faſt ausſchließlich in italieniſcher Sprache komponirt hätte. Wer kann den lebenden deutſchen Komponiſten ihre Verdienſte abſprechen? Sind aber ihre Kompoſitionen allgemein verbreitet? O nein! in Italien z. V. gar nicht. Die italteniſchen Kompoſitionen ſind aber in der ganzen Welt geſungen, und man hat in dieſem Augenblik in St. Pe⸗ tersburg wie in Mexiko eine italieniſche Oper. Weber ſang zwar:O wie thöricht, wenn hienieden ich den Nachruhm mir erſehnt! Ich meine aber im tiefſten Herzen hat er doch den Ruhm geliebt. Was kann die Welt dem Künſtler bieten, das ihn wahrhaft belohnen könnte, außer den Ruhm? Der am meiſten feiner Weltmann iſt unter den lebenden Komponiſten, ich meine Meierbeer, ein Deutſcher hat noch nie eine deutſche Oper geſchrieben. Die Oper aber, die ihm allgemeinen Ruf verſchafft hat, iſt ſein italieniſcher Crociato, während dochRobert der Teufel als Kunſtwerk viel höher ſteht! Das ſind Thatſachen, die nicht abgeleugnet werden können! Italien iſt die Rednerbühne, auf die ein Komponiſt ſteigen muß, wenn er ein Wort mit der Welt reden will, und die italieniſche Sprache iſt diejenige, deren er ſich zu ſeiner Rede bedienen muß. Den Franzoſen iſt es bis jezt eben ſo wenig gelun gen, allgemeine Anerkennung zu erringen, auch können ſie wohl weniger als eine eigenthümliche Schule betrachtet werden.

Was ich hier ſage, das ſind nur Beobachtungen von Thatſachen und dieſe ſollen nicht etwa mein Glaubensbekenntniß ausdrüken, als ob ich die italieni ſche Opernmuſik für vollkommen hielte.

Muß denn nun jenes nicht zu leugnende, feindliche Entgegenſtehen deut ſcher und italieniſcher Muſik ſtattfinden? Warum kann ſich denn Keiner ent ſchließen, die Leiſtungen des Andern mit vorurtheilsfreiem Ohr, an Ort und Stelle, anzuhören und wieder zu hören, und ſeinem erſten Urtheil nicht gleich ganz und gar zu trauen, und zu prüfen und das Gute daraus zu wählen und für ſein Land anzuwenden? Aber die Herren müſſen ſchaffen, und vor lau ter Schaffen haben ſie keine Zeit zur Erkenntniß des Andern zu gelangen! Es war nicht immer ſo! Im 17. Jahrhundert waren es beſonders Deutſche, die in Italien als Maeſtri geſchäzt waren, und dem wahrhaften Kenner wird in Händel und Mozart der Einfluß italieniſchen Himmels nicht verborgen ſein. Wahrlich, unter den heutigen Umſtänden kommt es mir oftmals als etwas Trauriges vor: ein Tonkünſtler zu ſein; denn was ſoll ich von den Grund ſäzen denken, nach denen die Muſik zu beurtheilen iſt, wenn ich ſehe, daß daſſelbe was hier tief empfunden dort als lächerlich angeſehen wird? Iſt es denn nicht der Zwek der Tonk unſt durch Töne Empfindungen auszudrüken? Wenn

) In des Genannten:Der Kantor von Fichtenhagen.